Albanien: Polittourismus zwischen Betonbunkern und Badebuchten

Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2009
Dort, wo sich Adriatisches und Ionisches Meer treffen, liegt Albanien - das letzte unentdeckte Paradies Europas. Das kleine Balkanland will mit dem Tourismus seine Wirtschaft in Schwung bringen und hofft seit dem Nato-Beitritt auf ein besseres Image im Westen. 20 Jahre nach Ende der Diktatur entwickelt sich Albanien zu einem Geheimtipp für Individualtouristen.

Zu Hunderttausenden überziehen sie das ganze Land - am Straßenrand genauso wie entlang der Küste, neben Schulen nicht anders als in Parkanlagen oder auf freiem Feld: die kleinen Einmann-Bunker aus Beton, die wie Champignons aus dem Boden ragen. Sie zeugen von einer Zeit, als sich Albanien - und vor allem dessen stalinistischer Diktator Enver Hoxha - von allen Seiten bedroht fühlte. Am meisten aus dem Süden, vom Nachbarn und Nato-Mitglied Griechenland. Die Pilzköpfe aus Beton, jeder mit einer Schießscharte in Richtung Feind ausgestattet, sind das sichtbarste Überbleibsel von mehr als 40 Jahren Isolation und kommunistischer Diktatur, die 1990 in sich zusammenbrach.

©JnM_RTW/flickr 20 Jahre später ist Albanien nicht mehr wiederzuerkennen, auch wenn viele der Bunker geblieben sind. Militärisch haben diese längst ausgedient, jetzt werden sie im nach wie vor armen Land mit gut drei Millionen Einwohnern oft als Ziegen- oder Schafställe genutzt. Doch Hunger oder greifbare Not, direkt nach der Wende noch vielerorts zu sehen, herrschen in Albanien kaum noch. Das Brutto-Inlandprodukt pro Jahr und Einwohner hat nach IWF-Angaben seit dem Umsturz 1990 von damals 654 auf heute über 4000 US-Dollar zugenommen. Zum Fortschritt beigetragen hat auch die Milliardenunterstützung aus dem Westen - allein aus Deutschland flossen in den letzten 20 Jahren mehr als 800 Millionen Euro als Entwicklungszusammenarbeit nach Albanien. Das ist mehr als in jedes andere Land der Welt, gerechnet pro Kopf der Bevölkerung.

Brüssel in der Ferne

Der Staat hat sich zu einer Demokratie gewandelt und will unbedingt Mitglied der EU werden. Ende April hat Ministerpräsident Sali Berisha der tschechischen Ratspräsidentschaft das EU-Beitrittsgesuch eingereicht. Bis Albanien in Brüssel angekommen sein wird, dürften zwar noch einige Jahre vergehen - zu stark hat Albanien noch immer mit Problemen wie Korruption und mangelnder Rechtsstaatlichkeit zu kämpfen. Doch der Beitritt zur Nato am 1. April 2009 verlieh dem Land einen gewaltigen Schub. „Das ist die größte Errungenschaft meines Landes nach der Unabhängigkeit“, sagt der konservative Ministerpräsident Sali Berisha stolz.

©slazgrc/flickrDie eigentliche Nagelprobe auf dem weiteren Weg in Richtung EU sind die Parlamentswahlen vom 28. Juni, deren Ausgang derzeit völlig offen scheint. Berishas Herausforderer ist der Sozialistenchef und Bürgermeister von Tirana, Edi Rama. Verlaufen die Wahlen frei und fair, würde Albanien dem EU-Kandidatenstatus wieder ein Stück näher kommen.

Die Fortschritte in der euro-atlantischen Integration sind gerade auch für das Image Albaniens, das in Westeuropa zu oft noch mit Chaos, Massenauswanderung und organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht wird, von enormer Bedeutung. Inzwischen zahlen sie sich auch aus: Über 2,5 Millionen Gäste reisten 2008 nach Albanien. Auf 362 Kilometern zieht sich die albanische Küstenlinie vom Grenzfluss zu Montenegro zuerst dem Adriatischen und schließlich dem Ionischen Meer entlang bis an die Grenze zu Griechenland.

Weiße Strände - „weiße Flecken“

Traumhafte Buchten und unberührte Strände locken vor allem im Süden des Landes, rund um die Städte Vlora, Himara und Saranda. Dahinter überziehen wilde Berglandschaften 70 Prozent des Staates, der insgesamt gut zwei Drittel der Fläche der Schweiz umfasst. Dazu kommt die boomende Hauptstadt Tirana, die sich in den letzten Jahren zu einer aufstrebenden Metropole Südosteuropas entwickelt hat. „Tourismus ist das bei weitem größte Potential unseres Landes“, sagt Regierungschef Berisha. Die meisten Touristen kommen aus Nachbarländern wie Kosovo und Mazedonien oder sind im Ausland lebende Albaner. Deutsche, Schweizer und andere Westeuropäer sind eher eine Ausnahme.

©gabork/flickrDas dürfte sich nach Einschätzung des Berliner Touristik-Experten Gerd Hesselmann in nächster Zeit auch kaum ändern. Denn für Badetourismus im großen Stil sieht er in Albanien wenig Chancen: „Erstens stimmt dafür der Standard nicht und zweitens wächst das Marktsegment Badetourismus ganz allgemein nicht mehr weiter. Da gibt es für Albanien kaum noch etwas zu holen.“

Abseits des Badetourismus hat das kaum bekannte südosteuropäische Land Einzigartiges zu bieten. Kulturhistorische Orte wie die osmanisch geprägten Städte Gjirokastra und Berat oder die archäologische Stätte Butrint - alle drei zum Unesco-Weltkulturerbe gehörend - und deren Einbettung in eine faszinierende Landschaft machten Albanien äußerst attraktiv, urteilt Jörg Kahlmeier, Projektleiter beim Studienreisen-Anbieter Weit-Blicke aus Leipzig.

Das Spannendste aber seien, so Kahlmeier, „die bis heute wahrnehmbaren Spuren der über 40-jährigen Isolation Albaniens und der besonderen Form des Kommunismus im Land“. Es ist das Unentdeckte und Andersartige, das Authentische und Geheimnisvolle, das für Individualtouristen oder kleine Gruppen von interessierten Westeuropäern den Reiz des Landes ausmacht. Jörg Kahlmeier bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Der Mensch strebt von Natur aus danach, weiße Flecken zu entdecken. In Albanien kann er das!“

Der Autor dieses Artikels, Norbert Rütsche, ist Mitglied des Korrespondentennetzes n-ost.