Alain Keler und Didier Lefèvre: Die Augen der Erde

Artikel veröffentlicht am 14. Mai 2005
Artikel veröffentlicht am 14. Mai 2005

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Im Café Hugo, im Herzen von Paris, unterhielt sich café babel mit den beiden Photographen, die seit 2003 dokumentieren, wie sich Landwirtschaft und Leben der Bauern in Zentral- und Osteuropa verändern.

Das Gespräch beginnt ohne Umschweife. Aber nicht das Interview mit den beiden Photographen, denn ich bin diejenige, der Alain Keler die Gretchenfrage stellt: „Und die Verfassung? 'Ja' oder 'Nein'?“ Die Bedienung im Café Hugo dreht sich verdutzt um, als er zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für den EU-Verfassungsvertrag ansetzt, in welchem er vor allem auf die zehn neuen Mitglieder der EU eingeht. Und er kennt sich tatsächlich gut aus. Zusammen mit Didier Lefèvre, der mir gegenüber sitzt, begann Keler im Jahr 2003 ein Photoprojekt über junge Bauern in den zentral- und osteuropäischen Ländern, die damals noch Beitrittskandidaten der EU waren. Aus einer Gruppe von acht Photographen hat sich langsam der Verein „Les Yeux de la Terre“ („Die Augen der Erde“) herausgebildet. „Zu Beginn wollten wir uns lediglich unter Freunden treffen und an einem ansprechenden Thema arbeiten. Die Idee, etwas über Landwirtschaft zu machen, kam uns nach einem ausgiebigen und feucht-fröhlichen Essen,“ erzählt Didier Lefèvre. „Nachdem wir eine Zeit lang in Frankreich gearbeitet haben, ist einer von uns auf die nahenden Ereignisse im europäischen Terminkalender aufmerksam geworden. So haben wir das Projekt „Leute der Erde – das neue Europa“ über die Landwirtschaft der Beitrittskandidaten ins Leben gerufen. Denn das Thema ist spannend - und es gab auch Subventionen dafür.“ Die Idee bestand darin, die Situation der Bauern in diesen Ländern vor und nach der Erweiterung zu zeigen. Die Internetseite des Vereins „Les Yeux de la Terre“ lässt keine Zweifel zu, es handelt sich um eine „dokumentarische Arbeit“ - von 2003 bis 2013.

Keine EU-Begeisterung bei Pepa, dem Tschechen

Didier Lefèvre hat unter anderem Tschechien zum Ziel auserkoren. Was bringt er mit von seinen drei Reisen nach Sasov, das 150 km südlich von Prag liegt? „Vor der Erweiterung war Pepa, mein Kontakt in Tschechien, nur bedingt enthusiastisch, was die Europäische Union anging. Und so ist es auch geblieben. Er hat mir den Berg an Formularen gezeigt, den er ausfüllen musste. Aber alles, was er bis heute mit den Subventionen der EU kaufen konnte, ist eine Flanellweste für den Winter. Dabei hat er eine ganze Menge investiert, um seine Viehzucht auf die europäischen Biostandards umzustellen. Gleichzeitig sieht er, wie Carrefour und Renault riesige Fabriken bauen, weil die Arbeiter in Tschechien sehr billig sind. Und Carrefour weigert sich, ihm sein Biofleisch zu einem annehmbaren Preis abzunehmen… Pepa ist die freie Konkurrenz, die Regierung des Marktes noch nicht gewöhnt.“

Polnische Ernte

Nachdem er gegen den Kellner gewettert hat, der nicht in der Lage war, ihm seinen Traumcappuccino zu bringen („Einen normalen Kaffee und dazu ein Glas schaumig geschlagene Milch. Das ist doch wirklich nicht so kompliziert!“), erzählt mir Alain Keler von seinen Erfahrungen in Polen. „Ich konnte nicht alles machen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich war in Tatras untergebracht, bei einer vierköpfigen Familie. Die Landwirtschaft war für sie eher eine Nebenbeschäftigung, denn sie lebten auch von anderen Tätigkeiten. Ich bin in der Erntezeit angekommen, so konnte ich trotzdem nette Photos machen. Aber ich weiß nicht, ob ich wiederkommen würde. Im Winter ist es viel härter, da ist die landwirtschaftliche Arbeit beinahe auf Null reduziert. Außerdem haben wir die meisten Reisen aus eigener Tasche finanziert, was die Dynamik des Projekts etwas gebremst hat.“ Als er meine erstaunte Miene sieht, erklärt er mir, dass Catherine Baduel, die Koordinatorin der Gruppe (und Präsidentin des Vereins) es nicht geschafft hat, ausreichende Subventionen für ihr Projekt an Land zu ziehen, obwohl sie hartnäckige Lobbyarbeit geleistet hat. In der Tat bedeutet die Tatsache, acht professionelle Photographen für ein Projekt zu bezahlen, das auf zehn Jahre angelegt ist, eine ganz schöne Stange Geld. „Ungefähr 300.000 € pro Jahr, und das zehn Jahre lang,“ schätzt Didier Lefèvre, von der Logistik bis zu den Honoraren. Doch trotz alledem ist das Projekt ganz dem europäischen Geist verschrieben. „Die Landwirtschaft stellt den großen Teil des europäischen Budgets (ca. 45% des gesamten Haushalts der EU) und verdient es, dass man sich ihr ausführlich widmet,“ fügt Alain Keler hinzu. „Wir waren ganz schön erstaunt, als Catherine Baduel ziemlich einfach an Subventionen für ein anderes Projekt zum Thema Frauenrechte rangekommen ist. Die einzige plausible Erklärung für uns war, dass das Thema Landwirtschaft manchen Leuten gegen den Strich gehen könnte.“ In der Tat könnte die Dokumentation manch einen aufbringen: Sie zeigt den Alltag einer Bevölkerung, bei der man günstige und unbelastete Rohstoffe (Arbeitskraft, Erzeugnisse aus nicht verschmutzte Böden) bezieht, um anschließend die weiterverarbeiteten Produkte zu viel höheren Preisen wieder bei ihr zu abzusetzen.

Brennende Erde

Die Mitglieder der Gruppe, die alle ein bisschen in der Welt verstreut sind, sind zu anderen Projekten übergegangen, auch wenn das Abenteuer „Leute der Erde“ noch in allen Köpfen ist. Das Gespräch im Café Hugo ebbt langsam ab, doch die eintretende Ruhe wird scharf von Alain Keler unterbrochen, der sich an seinen Kollegen wendet: „Warum nimmst du nicht deine Arbeit in Frankreich wieder auf, das Projekt über Resozialisierung durch Landwirtschaft?“ Didier Lefèvre erläutert: „Es handelt sich um ein Projekt, das ich in Frankreich, zwischen Vannes und der Region Paris, über Gemeinschaftsgärten gemacht habe. Das war vor dem europäischen Projekt und ich habe danach alle mein Kontakte versickern lassen. Es wäre schwierig, jetzt wieder einzusteigen.“ Sein Kollege macht ihm ein fast vorwurfsvolles Kompliment: „Dabei war es doch sehr schön, und auch so schlicht.“ Alain Keler hat derweil versucht, irgendetwas zu machen, was mit der Erweiterung zusammenhängt. „Eine Produktionsfirma hat mir vorgeschlagen, an einem Film über das Leben in einem kleinen polnischen Dorf mitzuwirken. Aber Arte hat das Projekt abgelehnt.“ Doch keinem der beiden mangelt es an Ideen. Didier Lefèvre steht im Rampenlicht, denn er ist Autor und Protagonist eines französischen Comics namens Der Photograph, welches drei Bände umfasst (der letzte wird demnächst im Handel erscheinen). Darin erzählt er von seinen Erinnerungen aus Afghanistan, wo er 1986 die Ärzte ohne Grenzen als Photograph begleitet hat. Alain Keler, der 2004 ein Stipendium gewonnen hat, treibt währenddessen seine Arbeit an „Das Land der brennenden Erde“ voran, einem Projekt zu Israel und Palästina.

Die beiden Photographen verabschieden sich und schlendern in ihr Gespräch vertieft davon. Der Cappuccino, das Stundenglas des Interviews, ist beendet.