Akzelerationisten: Die Kapitalismus-Beschleuniger von London

Artikel veröffentlicht am 2. März 2016
Artikel veröffentlicht am 2. März 2016

Stell dir eine Party vor, auf der dich niemand nach deinem Job fragt. Stattdessen sind sie neugierig auf deine Hobbys. Wo findet diese Unterhaltung statt? Vielleicht in der Zukunft. Ein Treffen mit Vertretern des Akzelerationismus in London, die den Postkapitalismus und das Zusammenleben von morgen neu denken. 

Wer mit dem Eurostar reist, braucht gerade mal drei Stunden von Paris nach London. Der englische Ökonom John Maynard Keynes sagte 1930 voraus, dass seine Enkelkinder nur noch diese drei Stunden am Tag arbeiten würden. Den Autoren des #ACCELERATE MANIFESTO Nick Srnicek und Alex Williams zufolge sind selbst diese drei, dem Geldverdienen gewidmeten Stunden täglich zu viel. In der futuristischen Version einer postkapitalistischen Wirklichkeit der kanadischen und britischen Wissenschaftler wird die Arbeitszeit auf null reduziert, die Gesellschaft erfreut sich der Möglichkeiten eines universellen Grundeinkommens und Arbeit ist nicht länger bestimmender Faktor des menschlichen Wertes oder Eckstein von Identitäten.

Nick betont: „Viele Menschen könnten sehr glücklich sein in einer Welt, in der man fürs Überleben nicht von einem Job abhängig ist und nicht auf diese Weise Geld verdienen muss.“

Nick Srnicek und Alex Williams im Gespräch über die „Zukunft ohne Arbeit“ bei Novara FM.

Und wie viele Menschen sind jetzt, in unserer neoliberalen Wirklichkeit, glücklich? Wenige. Einigen Quellen zufolge sind es 1% der Gesellschaft, laut anderen gerade 0,09%. Und der Rest?

Den Akzelerationisten zufolge ist der Rest zum Neoliberalismus verdammt. Die moderne Zeitgeschichte wird vom Lärm bevorstehender Katastrophen dominiert. Diese werden von den inneren Widersprüchen des Kapitalismus und seinen Erscheinungsformen hervorgebracht: die Überproduktion laugt den Planeten aus und die voranschreitenden Klimakrisen bedrohen das Überleben der menschlichen Art. Dazu kommt noch die anhaltende Finanzkrise, die eine Rechtfertigung für Ausbeutung liefert. Politiker, in alten Mustern feststeckend und ohne jede Vorstellungskraft, können diese immer schneller werdende Zerstörung nicht aufhalten. 

Im #ACCELERATE MANIFESTO, 2013 als Teaser für das Buch Inventing the Future herausgegeben, prophezeien Nick und Alex mit Kassandra-Stimme: „Während Krisen an Kraft und Tempo gewinnen, verkümmert die Politik und zieht sich zurück. In dieser Lähmung der politischen Vorstellungskraft wurde die Zukunft abgesagt.“

Absage an die Zukunft

Ist das wahr? Es ist schwer, sich so ein Szenario vorzustellen, in einer Stadt, die so frei ist und sich so dynamisch entwickelt wie London. An der Tottenham Court Road sehe ich genauso viele Baugerüste wie fertige Gebäude. Obwohl erst Januar ist, quellen die Schaufenster vor Valentinstagsdekorationen über. Obwohl erst Mittwoch ist, unterhalten sich die Menschen schon über Samstag. London fühlt sich an wie eine ewig durcheinanderwirbelnde Baustelle, wo man immer gespannt ist, was als nächstes passiert. Wären da nicht die Horden Jugendlicher mit YOLO T-Shirts, könnte man meinen, dass in dieser Stadt nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart abgesagt wurde.

Welches Gegenmittel schlagen die Akzelerationisten in dieser Situation also vor? Die selbstzerstörerischen Widersprüche des Kapitalismus sind keineswegs eine Neuentdeckung. Mit einer tiefen Verbeugung vor Marx diskutieren aktuell beispielsweise der slowenische Philosoph Slavoj Žižek und der französische Wirtschaftsexperte Thomas Piketty die Abgründe des Kapitalismus. Was das bedingungslose Grundeinkommen anbelangt haben wir erst kürzlich Neuigkeiten aus Finnland, der Schweiz und vom US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders vernommen.

Auch denen, die mit der Idee des vollautomatisieren Luxuskommunismus vertraut sind, dürfte die akzelerationistische Zukunftsversion bekannt vorkommen. Allerdings reicht der Akzelerationismus weit über die bloße Kapitalismuskritik, Propagierung der Automatisierung oder Postulate für das bedingungslose Grundeinkommen (unabhängig davon ob er arbeitet oder nicht) hinaus. Akzelerationisten haben das Ziel, Veränderungen in der Moral zu bewirken - „eine Gesellschaft gestalten, die durch etwas anderes verbunden ist als Arbeit“.

Der König ist tot, lasst uns seine Organe in den neuen transplantieren

Die Akzelerationisten wollen also die gegenwärtige Ordnung aufheben, um die postkapitalistische Zukunft einzuleiten? Ich frage Nick Srnicek bei unserem Treffen in einem unauffälligen Café im Herzen des Londoner Viertels Fitzrovia. Nun, nein. „Die postkapitalistische Zukunft wird auf den Fortschritten des Kapitalismus aufbauen“, erklärt Nick. „Es ist keine Zurückweisung, Zerstörung oder Verneinung des Kapitalismus, sondern eher seine Umgestaltung“.

Im Herzen dieser Umgestaltung steht die erzwungene Dominanz der Politik über die Wirtschaft. Und diese Aufgabe weisen die Akzelerationisten den politisch Linken zu. Trotzdem lehnen sie die aktuelle linke Politik ab, denn sie ist ihnen zu veraltet und nostalgisch, klammert sich ängstlich an Lokalpolitik und recycelt alte politische Modelle, ohne irgendwelche gestalterischen Visionen für die Zukunft zu haben.

Der Messias, der die Menschheit in die postkapitalistische Zukunft führen soll, wird ein brandneuer, moderner und vorherrschender Linker sein: Er soll erstens vereinigen und eine globale Struktur schaffen und zweitens die bereits vorhandenen Technologien so einsetzen, dass sie den Menschen nützen, statt nur Profite für Giganten wie Microsoft, Apple und Google zu generieren. Sollte das gelingen, wird die politisch kontrollierte Automatisierung der Arbeit die Menschen von vielen Aufgaben befreien und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Zeit mit etwas anderem als dem Broterwerb zu verbringen. „Die Linken sollten sich jetzt mobilisieren und für ein bedingungsloses Grundeinkommen organisieren - betont Nick. „Sonst werden die Rechten es weiterhin als libertäre Idee darstellen“.

Wie werde ich Akzelerationist?

Nach der Theorie ist es Zeit, den Akzelerationismus in der Praxis zu testen. Ich beschließe, Akzelerationist zu werden. Mich treibt das Verlangen an, den Postkapitalismus zu probieren und ich möchte zu der Gestaltung einer Zukunft ohne Arbeit beitragen. Das Problem ist nur, dass ich weder Jeremy Corbyn [Parteivorsitzender der britischen Labour Party] noch Pablo Iglesias [Spitzenkandidat der spanischen Linkspartei Podemos; A.d.R.] bin und keinen Einfluss als moderner Linker habe. Was kann ich als normaler Bürger also tun, um den Akzelerationismus zu unterstützen?

Wenn ich Kapitalismus mit Konsumdenken gleichsetze, erscheint es logisch, mich dem Shoppingwahn hinzugeben. Ich stelle mir vor, mich in einer goldenen Limousine zur Oxford Street fahren zu lassen, wo jährlich 5 Mrd Pfund Umsatz gemacht werden, ich ernähre mich von zwei übergroßen Menüs bei McDonalds, spüle sie mit einem Starbucks-Kaffee runter und verwöhne mich mit einem Klamottenrausch bei Primark und Topshop. Ich erwäge auch ernsthaft, meine Zigarette mit einem Zwanziger anzuzünden.

Wieder falsch. „Beim Akzelerationismus geht es nicht darum, den Konsum auszuweiten und noch verschwenderischer zu werden, um den Kapitalismus zu stürzen“, grinst Nick. Wer den Akzelerationismus leben will, sollte lieber für eine Veränderung des kapitalistischen Status quo kämpfen. „Es geht darum, konsumorientierte Identitäten aufzuheben. Heutzutage kannst du alles sein, solange es Profit bringt. Wir wollen diese Grenzen und Zwänge abschaffen“.

Das wiederum setzt die Notwendigkeit einer weiteren Veränderung voraus. „Aus meiner Perspektive würde angewandter Akzelerationismus einen regelrechten Hass auf Lohnarbeit fördern. Das würde die Leute daran erinnern, wie furchtbar Arbeit ist und sie darüber nachdenken lassen, warum sie so viel Zeit mit Arbeit verbringen und so davon abhängen“.

Wann fängt die Zukunft an?

Wenn du nicht mit dem Eurostar reist, brauchst du mehr als 9 Stunden, um von Paris nach London zu fahren (Megabus, wer könnte deine Preise ignorieren?). Soviel Zeit verbringen die meisten Londoner und Pariser täglich mit Arbeit, Überstunden und Arbeitsweg eingeschlossen. In diesen Städten stellen die Keynesischen drei Stunden eine absolute Abstraktion dar, eine Zeit, die gegenwärtige Bürohengste fast nicht überleben, ohne ihre Arbeitsemails zu checken. Wie weit sind wir also noch von einer postkapitalistischen Zukunft entfernt? Und würden wir uns ohne Arbeit überhaupt wohlfühlen?

Ich habe zwei Londoner, Viral und Yolande, nach einer Antwort für die Kamera gefragt.

https://www.youtube.com/watch?v=yI1SscmdBoA

Ergänzend zu diesem Artikel gibt es hier ein Interview mit Nick Srnicek, Co-Autor des #ACCELERATE MANIFESTO.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.