Aktionskunst: Die ominöse Brücke von Afrika nach Europa

Artikel veröffentlicht am 29. September 2015
Artikel veröffentlicht am 29. September 2015

Am Montag rettete die Küstenwache wieder 1000 Menschen aus dem Mittelmeer. Sie bezahlen Schlepper, um über den Seeweg nach Europa zu kommen. Täglich kentern die überladenen Boote auf hoher See. Europa hat seinen Einsatz gegen Schlepper-Banden zwar verstärkt, doch eine Lösung am Kern des Problems ist weiterhin nicht gefunden. Eine durchschlagende Idee kommt jetzt aus Österreich.

Der Flüchtlingskoordinator Christian Konrad höchstpersönlich plant eine Brücke über das Mittelmeer, um dem Massensterben ein Ende zu setzen. Die „Jean-Monnet-Brücke“ wird vom tunesischen Al Huwariyah nach Agrigento auf Sizilien führen. 230 Kilometer Steinbrücke für 230 Milliarden Euro. „Größtes Infrastrukturprojekt der EU“ oder „Lebensader zweier Kontinente“ heißt es im Internet. Alle Vorbereitungen scheinen getroffen. Der STRABAG-Baukonzern konnte zur Ausführung des Projekts gewonnen werden. Die Finanzierung besorgt der österreichische Raiffeisen-Verband. Baubeginn ist im Frühjahr 2017, geplante Fertigstellung 2030.

Wem das alles absurd erscheint, der liegt richtig. Die Brücke ist ein Fake und wird wohl nie Afrika mit Europa verbinden. Dahinter steckt ein Projekt des „Zentrums für politische Schönheit“, eine Berliner Künstlergruppe, die bereits mehrmals mit unkonventionellen Aktionen für Furore sorgte. Im Juni überführten sie angeblich verstorbene Flüchtlinge von den europäischen Außengrenzen nach Berlin. Im Rahmen einer Zeremonie wurden die Särge auf einem Berliner Friedhof beigesetzt. Ob sich wirklich Leichen in ihnen befanden, ist nicht geklärt. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls entwendete die Gruppe Gedenkkreuze von Berliner Maueropfern. An den EU-Außengrenzen schossen die Künstler Fotos mit Flüchtlingen und ebendiesen Kreuzen. Später brachte die Gruppe sie aber renoviert wieder an ihren Platz zurück. Das Künstlerkollektiv setzt sich für Menschenrechte und eine bessere Flüchtlingspolitik ein. Um ihre Botschaften zu verbreiten setzen sie ausgefallene Mittel ein.

Ihr neuestes Projekt „Die Brücke“ wirkt authentisch und gut durchdacht. Im Internet kursiert ein Imagefilm, der das Bauprojekt vorstellt. Zu sehen ist ein animiertes Modell des „Jahrhundertwerks der Humanität“. „Österreich hat schon oft bewiesen, dass es Bedeutendes schaffen kann“, sagt eine Stimme aus dem Off. Meeresrauschen und eine Melodie voller Pathos untermalen den Film. Auch der österreichische Flüchtlingskoordinator Christian Konrad kommt zu Wort: „Mitmenschlichkeit ist eine Win-Win-Situation für alle“, erklärt die etwas steife Stimme mit perfektem österreichischem Akzent, „Machen wir aus der Festung Europa ein offenes Haus.“ Ob es sich um Konrad oder einen nahezu perfekten Imitator handelt, bleibt offen. Am Ende des Videos sind das Logo der Baufirma STRABAG und des österreichischen Bundeskanzleramts zu sehen. Die professionelle Videomontage macht den Schwindel perfekt.

Tatsächlich besteht eine Verbindung zwischen Konrad und den anderen Akteuren. Der heutige Flüchtlingskoordinator war früher als Generalanwalt für den Raiffeisenverband tätig, der nun für die Finanzierung der Brücke zuständig ist. Die Raiffeisen-Holding ist darüber hinaus Hauptaktionär bei STRABAG. Somit existiert auch ein direkter Zusammenhang zum ausführenden Baukonzern. Im Internet ist der Bauantrag, der angeblich bei der Europäischen Union eingereicht wurde, offen einsehbar. Das „Zentrum für politische Schönheit“ hat ihren Plan gut durchdacht und fingiert ein Megaprojekt, das Europa so noch nicht gesehen hat.

Annik Schlöndorff, angeblicher Pressekontakt im Büro von Christian Konrad leitet uns weiter zu Frida Baumann. Sie gibt sich aus als Mitarbeiterin des STRABAG-Konzerns und erklärt im Gespräch mit Cafébabel, dass sie für das Brückenprojekt zuständig sei. Bereits vorher bestätigte uns STRABAG allerdings, dass die Aktion nichts mit dem Konzern zu tun habe und auch nicht mit ihnen abgestimmt sei. „Das Projekt war bis heute Morgen noch geheim, es scheint noch nicht im ganzen Unternehmen durchgedrungen zu sein“, versucht Baumann zu erklären. Gleiche Reaktion im österreichischen Innenministerium, der Behörde des Flüchtlingskoordinators Christian Konrad. Man habe aus der Presse von dem Vorhaben erfahren. Dass die Idee aus Österreich oder sogar aus dem eigenen Haus kommt, kann das Ministerium nicht bestätigen.

Da der Bau der Brücke erst im kommenden Frühjahr beginnt, sollen bis dahin 1 000 Rettungsplattformen im Mittelmeer verankert werden. Sie sind sechs mal sechs Meter groß und ausgestattet mit Positionslichtern, Lebensmittelreserven, einem Notrufgerät, Photovoltaikmodulen, einem Fahnenmast und zwei Ankern. Der italienische Hersteller der Plattformen möchte noch nicht genannt werden, erklärte Frida Baumann nach einigen Sekunden Bedenkzeit. 20 000 Euro kostet eine solche Plattform. Die Finanzierung des ersten Modells läuft seit Montag über ein Crowdfunding auf Indiegogo. Bis Dienstagmittag  waren bereits 8 700 Euro eingegangen.

„Ich persönlich werde am Donnerstag nach Licata auf Sizilien fliegen, um die erste Plattform einzuweihen“, verkündet Baumann. Um 6:30 Uhr soll dort ein Schiff im Hafen auslaufen und das Modul aufs offene Meer bringen. Journalisten können sich Plätze auf dem Montageschiff reservieren. Pressefotos sollen ab Donnerstagmittag verfügbar sein. Es sieht ganz so aus, also ob das „Zentrum für politische Schönheit“ eine weitere Aktion plant, diesmal auf Sizilien. Doch ganz egal, ob Rettungsplattformen installiert werden, ganz egal ob eine Brücke gebaut wird oder nicht –  die Aktionskünstler haben ihre Ziele bereits erreicht. Ihre Aktion findet eine breite Öffentlichkeit und die Botschaft kommt an – unkonventionell aber wirksam.