Ahmed el-Senussi: Libyscher Prinz und Menschenrechtsaktivist

Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2012
Zur Zeit ist er Mitglied in Libyens Übergangsrat, der Prinz, der seine Gefangenschaft in Einzelhaft verbrachte und während dieser neun Jahre zu keiner einzigen Person sprach. Wir treffen uns in Straßburg, wo der ehemalige politische Gefangene als einer von fünf Arabern den Sacharow-Preis 2011 für Meinungsfreiheit erhielt.

Mit dem Tod von Václav Havel und Kim Jong-Il vor ein paar Wochen scheinen an beiden Enden der Skala von Gut und Böse Stellen frei geworden zu sein. Was den einen zum großen Anwalt für Demokratie und Menschenrechte und den anderen zum gestörten Despoten gemacht hat, werden Historiker und Psychologen beurteilen müssen. Wir sind jedoch auf mögliche Nachfolger von Havel gespannt. Und wo wäre ein besserer Ausgangspunkt als auf der Preisverleihung für den Sacharow-Preis für Meinungsfreiheit 2011?

Der Prinz auf der Erbse

Seit 1988 wird der Preis, der nach dem berühmten sowjetischen Dissidenten und Menschenrechtsaktivisten benannt ist, jährlich vom Europäischen Parlament vergeben, um diejenigen zu würdigen, die sich für Menschenrechte eingesetzt haben – und die dafür bezahlen mussten. Manchmal bezahlen die Preisträger mit ihrem Leben, so geschehen bei Mohammed Bouazizi, einem der diesjährigen Sacharow Preisträger, der sich als Protest gegen das Regime von Ben Ali in Tunesien selbst anzündete. Damit hat er wohl den Arabischen Frühling begründet, dessen Fackel von anderen in der Region weitergetragen wurde.

Fünf von ihnen wurden für den diesjährigen Sacharow-Preis ausgewählt, darunter der libysche Prinz Ahmed-el Senussi. Als einer der am längsten inhaftieren politischen Gefangenen verbrachte dieser 77-jährige entfernte Verwandte des einzigen, ersten und letzten Königs von Libyen 31 Jahre in Kolonel Gaddafis Gefängnis, ständig durch die Vollstreckung der Todesstrafe bedroht. Nun muss er vierzig Einzelinterviews pro Tag geben, eine Pressekonferenz besuchen und eine Rede vor den Parlamentariern halten, die ihn mit Standing Ovations empfangen. Das heißt mit Ausnahme der Mitglieder der holländischen rechtsextremistischen 'Partei für die Freiheit' von Geert Wilders. Letzten Endes ist der Prinz immer noch Muslim. Dies wird zu einem kleinen Skandal auf Twitter und in der niederländischen Presse führen, el-Senussi aber wird nur gleichgültig und dabei würdevoll mit den Schultern zucken.

Libyen 2012

„Ich wünsche mir Versöhnung in Libyen“, sagt der Prinz, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet. „Diejenigen, die in Libyen schwere Verbrechen begangen haben, sollten fairerweise vor Gericht gestellt werden, nur sie. Das Volk hat mit Hilfe aus Europa den Diktator gestürzt, aber es gab keinen Krieg zwischen den Menschen, keinen Bürgerkrieg. Lediglich einen Kampf gegen das Regime. Libyen ist eine große Familie.“ Prinz el-Senussi unterstreicht die Rolle der Frauen und jungen Menschen, zwei der treibenden Kräfte hinter den Aufständen. Obwohl sie viel zu verlieren gehabt hätten, kämpften sie für die gute Sache und brachten große Opfer. Nach Ansicht des Prinzen sollte dies in verbesserte politische Rechte für Frauen unter dem neuen Regime münden. „Auch Junge brachten große Opfer – und nicht nur während des Arabischen Frühlings, der auf allen Fernsehkanälen ausgestrahlt wurde. Als ich im Gefängnis saß, wurden an einem einzigen Tag in einem einzigen Gefängnis 1200 junge Menschen getötet. Wir hörten sie schreien, aber die Medien berichteten nichts davon. Niemand im Westen hat jemals davon gehört.“ Dennoch ist der Prinz mit der Rolle, die westliche Medien – neue und alte – während des jüngsten Kampfs in Libyen spielten, zufrieden. Jungen Menschen müsste der freie Zugang zu sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter - die der Prinz als Teil der Demokratie betrachtet - garantiert werden.

Bescheiden betrachtet der dankbare Prinz seinen Sacharow-Preis als Symbol für das Ende der Isolation Libyens, nicht als seinen persönlichen Verdienst. Er räumt allerdings auch ein, dass das libysche Volk stolz auf den Preis sei. Er nennt Nelson Mandela als Vorbild: Genau wie er fand el-Senussi Kraft hinter Gittern. „Wir verloren die Hoffnung nicht, ich legte meine Menschenwürde nicht ab. Wir glaubten immer daran, dass unsere Träume Wirklichkeit werden würden, ob wir selbst diesen Tag miterleben würden oder nicht. Nun haben wir endlich Freiheit errungen. Wenn ich es geschafft habe, im Gefängnis optimistisch zu bleiben, so kann ich es sicherlich jetzt auch sein.“ Dies gilt genauso für die Zukunft Libyens wie für sein Privatleben: Während er im Gefängnis saß, starb seine Frau. Der Prinz vertritt nun aktiv die Rechte der politischen Gefangenen in Libyens Übergangsregierung. Er hat nur eine Botschaft an Europa, und sein grauer Schnurrbart zuckt, während er diese vorträgt: „Wir sind keine Terroristen, nur weil wir Muslime sind. Behandelt uns nicht wie solche.“ Wie Havel schon vor ihm erkannte, mit der Freiheit geht auch Verantwortung einher. Zeit für das nächste Interview.

Foto: (cc)European Parliament