Ägyptische Aktivistin Negla Muhammed: "Die Revolution kam nicht über Nacht"

Artikel veröffentlicht am 6. März 2012
Artikel veröffentlicht am 6. März 2012
Die ägyptische Aktivistin Negla Muhammed über die Gründe der Revolution. Ein Beitrag von der russischen Journalistin und Fotografin Nuriya Fatykhova.

Eine der Gassen, die zum Tahrir-Platz führt, ist seit Januar 2011 unpassierbar: Eine Betonmauer versperrt den Weg. Mittags treffen sich hier die Schulkinder zum Fußballspielen. Sonst ist es in dieser Sackgasse still. Niemand stört die Besucher, die sich die Graffitis an der Mauer ansehen: Revolutionäre Losungen sind quer über die Wand geschrieben. Ich habe die Aktivistin Negla Muhammed gefragt, wofür sie kämpft. Und die zierliche Frau antwortete mir wie selbstverständlich mit dem französischen Wahlspruch “Für die Freiheit, für Gleichheit, für Brüderlichkeit”. Dann stockt sie kurz. “Und für Brot”, fügt sie schließlich hinzu. Nicht der Wunsch nach politischer Teilhabe, nicht die Ausbreitung des Internets, sondern die Armut der Menschen war einer der wichtigsten Auslöser der ägyptischen Revolution. Das zumindest ist Neglas Meinung. Ihr ist es wichtig, zu erzählen, wie es wirklich zum Machtumschwung gekommen ist.

Wann hat die Revolution für dich begonnen?

Negla Muhammed: Die Unzufriedenheit der Menschen begann nach der Jahrtausendwende. Die erste oppositionelle Bewegung gab es 2004. Sie nannte sich “ Kaffajah”, was soviel bedeutet wie “Es reicht”. Die Demonstrationen waren damals winzig; an einem guten Tag kamen 25 Personen. Alle haben uns ausgelacht. Kein Wunder: Es gab mehr Polizisten als Demonstranten.

Wogegen habt ihr demonstriert?

Negla Muhammed: Der Krieg im Irak hat die ägyptische Wirtschaft schwer geschädigt. Plötzlich wurde alles teurer, besonders die Lebensmittel. Ein Kilo Linsen hatte vor dem Krieg zwei ägyptische Pfund gekostet [etwa 25 Cent; A.d.R.] - plötzlich musste man neun Pfund bezahlen. Man konnte buchstäblich sehen, wie das Volk jeden Tag ein bisschen mehr verarmte. Sogar die Frauen mussten sich Arbeit suchen, viele gingen ins Ausland, um dort als Hausmädchen zu arbeiten.

Wie ging es weiter?

Negla Muhammed: Die Preise stiegen und stiegen. Im April 2008 organisierten sich über das Internet erstmals größere Proteste. Natürlich waren auch diese Demonstrationen nicht riesig. Aber in der Industriestadt Mahalla al-Kubra hat zum Beispiel eine ganze Textilfabrik gestreikt. Die Polizei schritt ein, hunderte Menschen wurden verhaftet. Auch die politische Situation wurde immer absurder. Mubarak hatte mittlerweile die Verfassung geändert und es wurde klar, dass sein Sohn Gamal bald seinen Platz einnehmen würde. Kritische Stimmen wurden mundtot gemacht: Der Blogger Khaled Said, gerade 18 Jahre alt, wurde von Polizisten zu Tode geschlagen. 2009 tauchte auf Facebook die Seite «Wir sind alle Khaled Said» auf. Ein Jahr später hatte die Gruppe 700.000 Mitglieder - ein Zeichen der Solidarität. Als Mubarak 2010 beschloss, die Präsidentschaftswahlen einfach so um zwei Jahre zu verschieben, war das Maß voll.

Diese Seitenstraße des Tahrir-Platzes seit Beginn der Revolution im Januar 2011 allerdings schon

Doch wie kam es zu den Protesten im Januar 2011?

Negla Muhammed: Die Tunesier hatten als erste einen Aufstand gewagt - sie gaben uns Hoffnung. Und am 25. Januar - dem Tag der Polizei - beschlossen wir, selbst Widerstand zu leisten. Im Internet riefen wir die Menschen auf, uns zu folgen. 6000 Demonstranten folgten uns alleine in Kairo. Zumeist waren es junge Aktivisten.

Am 28. Januar waren es schon Millionen. Was war in der Zwischenzeit passiert?

Negla Muhammed: Die Regierung selbst hatte das verschuldet. Nach den ersten Demonstrationen kappte sie die gesagte ägyptische Telekommunikation: Telefon, Internet, das Fernsehen. Der öffentliche Verkehr stand still. Also gingen die Menschen auf die großen Plätze, um zu sehen, was los war. Und plötzlich hatten sich riesige Menschenmassen versammelt.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Glaubst Du, dass das in Ägypten wirklich möglich ist?

Negla Muhammed: Ja, natürlich. Sehen Sie nur, wo wir damals sind und wo wir heute stehen.

Für die jungen Revolutionäre ist die Mauer in einer Seitengasse des Tahrir-Platzes ein Symbol: Für die Stärke der Demokratie, die gesiegt hat. Darum steht sie dort noch, ein Monument des ägyptischen Frühlings. Auf der anderen Seite der Mauer, am Tahrir-Platz, hören die Proteste indes nicht auf. Doch jetzt kämpfen die Ägypter gegen das Militär. “Die Revolution hat gerade erst begonnen!”, ruft mir Negla zum Abschied zu.

Foto: ©Nuriya Fatykhova