Agnès Bihl, Engel mit Grimasse

Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2006

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Agnès Bihl ist nicht auf den Mund gefallen. Die französische Sängerin pointiert gerne die kleinen Unvollkommenheiten der Welt. Mal humorvoll, mal frech.

„Ich hätte auch gut Reiterin, Cancan-Tänzerin oder Prinzessin werden können“, scherzt Agnès Bihl. Sie nimmt in einem amerikanischen Restaurant im Herzen von Paris Platz, bestellt einen Espresso und macht sich über ihre rauen Knie lustig, die in ihren schwarzen Strumpfhosen stecken. Wenn die junge Dreißigjährige gute Laune hat, verziehen sich ihre Gesichtzüge. „Ich bin gerade von einer Woche Urlaub mit den Kindern zurückgekommen – das war alles andere als entspannend“, gibt sie zu und zieht genüsslich an einer blauen Chesterfield. Ihrer jugendlichen Frische tut dies keinen Abbruch. „Das ist schrecklich“, sagt sie, „ich bin ein typisches Blondchen. Ich sehe zwar rein äußerlich lieb und nett aus, aber das täuscht!“

Ihren Schilderungen zu Folge ist sie durch Zufall Sängerin geworden. Und durch Liebe. Es war Liebe auf den ersten Blick mit einem Akkordeonspieler, die sie zur Musik gebracht hat. Inspiriert von den Auftritten von Allain Leprest in La Folie en Tête („Flausen im Kopf“), einem Kabarett in Paris, schreibt sie mit 23 Jahren ihr erstes Lied Joulik. Ein selbstproduziertes Album folgt, La Terre est Blonde („Die Erde ist Blond“) kommt 2001 raus. Dann gerät Bihl in Vergessenheit. Aber das stört sie nicht im Geringsten.

Eine muntere Stimme

Eines Tages lädt sie der bekannte Produzent und Talentsucher Gérard Davoust zum Probesingen mit ihrem Pianisten ein. Überzeugt macht sie sich für ihr nächstes Werk Merci Maman, merci Papa („Danke Mama, danke Papa“) an die Arbeit. „Ich war schwanger, als ich an der Platte gearbeitet habe“, erinnert sie sich, „mir sind alle möglichen Fragen durch den Kopf geschwirrt. Wer bin ich? Welcher Platz im Universum ist für mich bestimmt?“ Als sie an Rosalie, ihr 3 ½-jähriges Töchterchen denkt, fangen ihre Augen an zu glänzen. Ihr kleines Goldstück hat sie sogar dazu verleitet, ein improvisiertes Duett zu machen, Titel: Baby Boom.

Nach ihrem ersten Album Viol au Vent („Vergewaltigung im Wind“) oder L’Enceinte Vierge („Die schwangere Jungfrau“) konzentriert sie sich jetzt auf dornige Themen, die selten in der französischen Musik Beachtung finden: Abtreibung, Obdachlose, Inzucht und Kinder inhaftierter Eltern. Doch: „Es stört mich, dass man mich als engagierte Künstlerin bezeichnet. Man drückt mir einen Stempel, einen Code auf. Das ist nicht gut.“

Oft ordnet man sie der nouvelle scène française zu, wie die derzeitige Generation junger Chansoniers in Frankreich gerne genannt wird. Bihl lehnt diese Bezeichnung jedoch ab. Selbst wenn sie sich in dieser neuen Generation von Künstlern wiederfindet, die ihre persönliche Note in ihre Lieder einfließen lassen, wie etwa LoÏc Lantoine oder Nina Morato. Seit gut zehn Jahren ist sie mit der Sängerin Jeanne Cherhal in Kontakt und arbeitet seit kurzem mit dem Sänger und Songschreiber Alexis HK zusammen. Künstler, die das große Publikum kaum wahrnimmt.

Die Bissige mit dem Zopf

In Bihls Musik und Texten findet man internationale Musikrichtungen: Einflüsse der Musik der Sinti, südamerikanischer Klänge, des russischen Sängers Vladimir Vissotski, des italienischen Regisseurs Nanni Moretti, Bands, die eigentlich Filmmusik machen oder auch Bücher, Fotos und Kunst. „Wenn ich auf das weiße Blatt Papier vor mir starre, denke ich oft an ein Kunstwerk, das ich gesehen habe und das mir gefällt und ich versuche, es mit Worten nachzuzeichnen.“ Bihl sagt, sie möge Clint Eastwood: „Er kann einfach da sein, ohne irgendetwas zu tun. Er hat keine Angst vor der Leere und versucht nicht, diese zu füllen.“

Bihl, eine moderne Prinzessin pflegt sorgsam ihre kleine „dunkle“ Seite. Als Künstlerin mit bissigen Reimen und rauer Stimme profitiert sie von der treuen Anerkennung und Ehrlichkeit ihrer Fans. Außerhalb der Reichweite kommerzieller Musik komponiert Bihl scharfe, angriffslustige Lieder und verurteilt die übermäßige Medienpräsenz der Musik, die nur der Unterhaltung dient.

Reality-Shows wie Starac [das Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“] im französischen Fernsehen vermittelten das Bild, dass es kinderleicht sei, ein Star zu sein. „Man verwechselt Star und Künstler. Talent lernt man nicht.“ Bihl, im Pariser Viertel Montmatre aufgewachsen, spricht gern von ihren „Ängsten als Frau“ und umschifft damit gekonnt die Klippen des Voyeurismus und Sexismus. Außer ihrem Instinkt helfen ihr auch die Ratschläge ihrer „drei paar Ohren“ Gérard Davoust, ihrer Freundin Roxanne und Giovanni, der Vater ihrer Tochter, der ihr besonders am Herzen liegt.

Manchmal kindisch-schelmisch, manchmal einzelkämpferischer Single – Bihl ist vor allem Frau. „Wie auch immer, ich halte mich nicht für die Rosa Luxemburg oder die Louise Michel der Musik. „Ich bleibe mit meiner Poesie auf dem Boden“, wirft sie spitzbübig ein. Gleichzeitig bemerkt sie, dass sie ihrer Tochter die Vornamen „Rosalie Louise Michel“ gegeben hat. Lange hat sie frauenfeindliche und unhöfliche Bemerkungen ausgehalten. Unter den häufigsten: „Wer ist Ihr Songschreiber?“ Antwort der Künstlerin: „Meine Songschreiberin bin ich.“

La Terre est Blonde (Amalgammes/2001)

Merci Maman, merci Papa (Naive/2005)