Aggro-Säkularismus, Gay-Kussaktion und die 30er: Päpstliche Schelte in Spanien

Artikel veröffentlicht am 9. November 2010
Artikel veröffentlicht am 9. November 2010
Papst Benedikt XVI. hat auf seiner zweitägigen Spanien-Reise "aggressiven Säkularismus" im Land beklagt und Parallelen zur Situation in den 1930er Jahren gezogen. Damit verunglimpft er die moderne Demokratie, meinen einige Kommentatoren, andere halten die Kritik für angemessen.

El Periódico de Catalunya: Aggressiver Säkularismus = unvorsichtig; Spanien

Die Kritik von Papst Benedikt XVI. am Säkularismus in Spanien hält die katalanische Tageszeitung El Periódico de Catalunya für einen schweren Fehler: "Die Worte von Papst Ratzinger im Flugzeug, das ihn nach Santiago de Compostela brachte, stimmten nicht mit dem Klima im Vorfeld überein, das die [ehemalige] Vize-Regierungschefin Fernández de la Vega und der Staatssekretär des Vatikans Tarcisio Bertone gemacht hatten. Der Vergleich mit dem antireligiösen Klima der 1930er Jahre ist eine Taktlosigkeit, wie gestern selbst der Sprecher des Heiligen Stuhls Federico Lombardi zugestand. Ebenso war es nicht nur unvorsichtig, sondern ein Fehler, eine Regierung des vermeintlich 'aggressiven Säkularismus' zu bezichtigen, die 24 Stunden vor dem Besuch auf das Gesetz zur Religionsfreiheit verzichtet hat." (Artikel vom 08.11.2010) 

De Morgen: Glaube und Modernität schließen einander aus; Belgien

Besonders kritisiert: die Vergleiche mit den 1930er JahrenDer Vergleich zwischen der heutigen anti-katholischen Stimmung in Spanien und der anti-klerikalen Situation der 1930er Jahre ist Geschichtsverfälschung, meint die linksgerichtete Tageszeitung De Morgen: "Wie kann man einen demokratischen Entscheidungsprozess, in dem Individuen die Freiheit haben und nicht die Verpflichtung, ethische Entscheidungen zu Fortpflanzung und Beziehungen zu treffen, mit einer faschistischen Diktatur vergleichen, in der Gegner liquidiert wurden? Der Papst gab selbst die Antwort: Weil in Spanien der Streit zwischen Glaube und Modernität wütet, wobei der Kirchenvater implizierte, dass Glaube und Modernität einander ausschließende Begriffe sind. Für die belgische Kirche [...] ist das eine besonders schlechte Nachricht. Denn eigentlich hat die höchste römische Autorität gesagt, dass [der umstrittene konservative] Erzbischof Léonard völlig auf der Linie des Vatikans liegt, und dass diejenigen, die anderer Meinung sind, Abtrünnige des wahren Glaubens sind." (Artikel vom 08.11.2010)

Rzeczpospolita: Das linksliberale Lager hat die Kirche immer als Aggressor gesehen; Polen

Die Kritik von Papst Benedikt XVI. am Antiklerikalismus in Spanien ist berechtigt, schreibt die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita und beklagt den geringen Widerstand Europas gegen linke Kirchenfeinde: "Das linksliberale Lager hat die Kirche immer als Aggressor und Feind der Freiheit angesehen, obwohl gerade die Gläubigen in Spanien allen Grund dazu haben, sich benachteiligt zu sehen. Europas öffentliche Meinung ist ungewöhnlich empfindlich gegenüber politischen Ausfällen nach rechts. Deshalb hatte man EU-Sanktionen gegen Österreich erwogen, als dort die Partei von [Rechtspopulist] Jörg Haider die Macht errungen hatte. Doch als die Sozialisten um Zapatero den Plan der radikalen Säkularisierung umsetzten und die Rechte der Katholiken beschnitten, hat das unter den christdemokratischen Parteien Europas keine Unruhe hervorgerufen, die eigentlich ihre Wurzeln im Christentum haben."

(Artikel vom 08.11.2010)

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