Afrikanisches Disneyland: Das Museum Quai Branly

Artikel veröffentlicht am 26. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 26. Oktober 2006

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Ein Jahr nach den Krawallen in den Pariser Vororten: Das „Museum für Stammeskunst“ am Pariser Quai Branly beweist, dass Frankreich seine postkoloniale Gegenwart tabuisiert.

Nach dem Tod zweier Jugendlicher am 27. Oktober 2005 wurden die Pariser banlieues durch Unruhen erschüttert. Die Krawalle in den Vorstädten ließen den Glauben der Franzosen an ihr Modell von sozialer Integration wanken. Der französische Innenminister Nicolas Sarkozy drohte, alle Verhafteten abzuschieben. Arbeitsminister Gerard Larcher wies die Schuld polygamen Ehen zu. Hélène Carrère d’Encausse, Mitglied der Académie Francaise vermutete derweil, die Vorfälle seien von afrikanischen Einwanderern verursacht, die sich in Frankreich so benähmen wie in ihren Heimatdörfern. Die Botschaft ist immer die gleiche: Ihr seid nicht von hier. Passt euch an oder ihr werdet zurückgeschickt.

Keine Rechte für Minderheiten

Diese Stellungnahmen sind eine Form von Rassismus. Ihnen liegt eine bestimmte Vorstellung davon zugrunde, was es heißt, französisch zu sein. England und Amerika haben – mit unterschiedlichen Ergebnissen – Minderheitenpolitik betrieben. In Frankreich dagegen werden in keinem einzigen Gesetz die Rechte französischer Afrikaner erwähnt. Es gibt nur die Rechte der Franzosen und das wundervolle Ideal der absoluten, allgemeingültigen Bürgerschaft.

Probleme kommen dann auf, wenn dieses Ideal auf eine Gesellschaft trifft, in der der Rassismus institutionalisiert wird und in der ein Teil der Bevölkerung ausgeschlossen ist. In einem solchen System gibt es keine Minderheitenposition, von der aus man für seinen eigenen Platz kämpfen könnte.

Frankreich muss umdenken

Für den französischen Philosophen Jacques Rancière beginnt Politik dann, wenn die Ausgeschlossenen ihren Einlass in die Gesellschaft verlangen. Allerdings verlangen sie nicht nur ihr Stück vom Kuchen, sie verlangen keinen Platz im öffentlichen Raum. Sie stehen auf, um eine Neuorganisation der gesamten Gesellschaft zu fordern. Während der Französischen Revolution erhoben sich die Aufständischen nicht, um ihre Aufnahme in den Adel zu fordern. Sie hatten entschieden, dass sie als Teil der Gesellschaft für die gesamte Gesellschaft sprechen würden.

Auch die Jugendlichen aus den Vorstädten verlangten im letzten November keinen größeren Anteil an der Gesellschaft. Sie steckten ihre eigenen Autos und ihre eigenen Schulen in Brand. Durch diesen Akt der Selbstzerstörung wiesen sie auf ihre Außenseiterposition hin und forderten eine Neuverhandlung der Gesellschaft insgesamt.

Besuch im Zoo

Angesichts solcher Vorfälle muss Frankreich umdenken. Einer der besten Orte, nach Veränderungen Ausschau zu halten, ist das neue Musée Quai Branly, das am 20. Juni in Paris eröffnet wurde – eine Lagerstätte für Objekte, die an Frankreichs koloniale Vergangenheit erinnern.

Museen beherbergen Dinge. Diese Dinge hatten ein früheres Leben und bergen Erinnerungen. Das Museum hat eine wichtige Aufgabe: Es soll diese Dinge zum Leben erwecken. Das geschieht durch Anordnungen, Klassifizierungen und Vergleiche, durch das Arrangement von Objekten und Informationen. Museen erzählen ihre Version der Geschichte. Sie interpretieren die Vergangenheit mit den Mitteln der Gegenwart.

Als Besucher des Museums Quai Branly wird man mit der französischen Deutung der Vergangenheit und der postkolonialen Gegenwart konfrontiert. Man geht an einer riesigen Glasfassade entlang, die das äußere Treiben von der Welt des Museums trennt. Durch das Glas schaut man in einen echten Dschungel, ein afrikanisches Disneyland. Zur Dauerausstellung geht es eine lange Treppe hinauf. Auf dem Weg kann man einen Blick auf ein Fragment der Museumsgeschichte werfen: Ein Glasturm, der mit jenen Gegenständen gefüllt ist, die nicht ausgestellt werden: Musikinstrumente, aufgestapelt in Glaskästen wie medizinische Raritäten. Die Knochen der Geschichte.

In diesem Turm sieht man, was Museen einmal waren: Die wissenschaftliche Bewertung anderer Kulturen. Sie waren der Versuch, Objekte in Schablonen zu pressen. Dieses ausgestellte Stück Museumsgeschichte zu sehen, ist Museumsgegenwart. Daneben zeigen riesige Videobildschirme exotische Landschaften und lachende braune Gesichter: Museums- MTV. Auf den Bildschirmen sehen diese Menschen aus wie Illustrationen eines sinnentleerten Multikulturalismus. Wir leben alle in derselben Welt, scheint das Video zu sagen, in der Welt der Bilder und Erscheinungen. Daneben warten, aufgestapelt wie konservierte Kadaver, die sterilen Objekte.

Exotische Gegenstände – europäische Spielregeln

Der Vorgänger des Musée Quai Branly, das Musée de l’homme, war zu Kolonialzeiten entworfen worden, um die Vielfalt der Menschheit zu zeigen. Das Musée Quai Branly ist dagegen ein Duchamp-Werk in Zeiten der Minderheitenpolitik. Alles steht vereinzelt, die wechselseitigen Verbindungen zwischen den Kulturen werden ausgespart.

Jean Nouvel, der Architekt des Museums, sagt, er habe ein Museum frei „von allen westlichen Formen“ entwerfen wollen. So sind die Geländer, die Gitterstäbe und Stufen verschwunden. Stattdessen folgt der Besucher im Dunkeln dem braun markierten Hauptweg, den Nouvel „die Schlange“ nennt. Nur wenig Licht erhellt den fremdartigen Themenpark. Masken von geheimen westafrikanischen Gesellschaften schauen hinter einer Wand von Bildschirmen hervor. Sie sollen wie Baumstämme wirken. Sie wollen in uns das Bild des Waldes hervorrufen, in dem diese Masken getragen wurden. Es funktioniert nicht – die Masken wirken nur noch weiter entfernt.

Auch wenn die französische Kultur nicht auf den Bildschirmen zu sehen ist, so ist sie doch die einzige, die allgegenwärtig ist. Dies wird schon auf einem der Museumsposter deutlich. Es zeigt eine Statue von einer Pazifik-Insel, die in der Mitte des Place de la Concorde aufgestellt ist. Die Schlagzeile lautet: Les cultures sont faites pour dialoguer: Kulturen sind da, um in Dialog zu treten. Doch dieser Dialog der Kulturen funktioniert nach unseren Regeln, mit euren Objekte und unserer Sinngebung.

Sinnbild der französischen Gesellschaft

Es gibt keine Geschichte im Museum Quai Branly. Der Rest der Welt scheint eine Serie exotischer Ausstellungsstücke zu sein oder eine Reihe fotogener Gesichter, die Videowände schmücken. Objekte ohne Menschen kann man einfach anschauen. Menschen ohne Kultur sind leicht zu assimilieren.

Das soll nicht heißen, dass das Museum nur eine Verurteilung des Kolonialismus hätte sein sollen – obwohl eine einzige Erwähnung der kolonialen Vergangenheit Frankreichs sicher nicht verkehrt gewesen wäre. Ein gutes Museum sollte den Sinn, den wir den Dingen zuweisen, in Frage stellen. Es sollte die Öffentlichkeit dazu bringen, Objekte als Kunst und als Gebrauchgegenstände in Frage zu stellen. Es sollte Zweifel an den Ausstellungsstücken aufkommen lassen. Das Museum muss die Vergänglichkeit aller Dinge widerspiegeln.

Innenminister Sarkozy marschierte mit dem Versprechen in die Vorstädte, Recht und Ordnung wieder herzustellen. Damals starrten und wütende Gesichter aus dem Fernseher an. Nun starren afrikanische Masken aus künstlichen Museums-Wäldern zurück. Damals explodierten Autos, nun treten kleine Schrumpfköpfe aus dem Dämmerlicht hervor. Das Museum am Quai Branly ist ein Sinnbild für die Kluft in der französischen Gesellschaft. Diese Kluft verläuft zwischen der unseren alltäglichen Beziehungen und der Wahrnehmung eines Fremden, der eigentlich unser Nachbar ist.

Fotos: Joy Garnett/ Flickr (Homepage), Cicile Fagerlid/ Flickr (Quai Branly1), Mke1963/ Flickr (Quai Branly2)

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