Afghanistans mediale Konstruktion

Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2008
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Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2008
Westliche Journalisten berichten aus Afghanistan am liebsten über westliche Soldaten und Helfer. Afghanen als eigenständige Akteure spielen in den Berichten dagegen kaum eine Rolle. Das Bild des Landes, das so entsteht, verhindert eine realistische Einschätzung des Konflikts und damit auch seine Lösung. Mittwoch, 3.
Dezember 2008

In der westlichen Vorstellung ist Afghanistan ein Land rau, wild aber irgendwie frei und schön - so wie hier auf dem berühmten Bild von Steve McCurry (Credit to: Alvaro Herraiz/Flickr)Afghanistan beherrscht seit Jahren die Schlagzeilen und doch erfährt man nur wenig über das Land. Und was man erfährt, zeichnet oft ein falsches Bild der Situation. Die deutsche Presse verfolgt jeden Anschlag auf die eigenen Truppen im Detail. Selbst wenn nur das Blech des Wagens verdellt worden ist, bleibt es noch eine Nachricht wert. Es ist eine journalistische Grundregel, in der Fremde das Bekannte in den Vordergrund zu stellen, um dem Leser den Zugang zu erleichtern. Folgerichtig stehen in Afghanistan nicht die Afghanen, sondern die deutschen Helfer und Soldaten im Zentrum des Interesses.

Gibt man im Ticker der Nachrichtenagenturen das Schlagwort ‚Afghanistan’ ein, erhält man am Dienstag, 2. Dezember, 70 Agenturmeldungen, die bis zu eine Woche zurückreichen. Davon sind 42 zu Anschlägen auf ausländische Truppen, 16 zur Diskussion in Deutschland und anderen westlichen Staaten zum Truppeneinsatz, zwei zu einem entführten französischen Helfer, zwei mit Mitteilungen westlicher Hilfsorganisationen und immerhin eine zum drohenden Hungerwinter in Afghanistan.

Man kann in den westlichen Medien viel erfahren vom Lagerleben der Soldaten, von ihren alltäglichen Sorgen und Nöten. Auch von dem mutigen Einsatz der Ärzte und Ingenieure zur Errichtung von Brunnen, Schulen und Hospitälern ist einiges zu lesen. Diese thematischen Schwerpunkte ergeben sich aus der journalistischen Arbeitsweise, da sich die meisten Reporter den Helfern und Soldaten als Schutz und Führung anschließen.

Nun spricht nichts dagegen, dem Leser davon zu berichten, was Bundeswehr und Entwicklungsdienste in Afghanistan tun. Das ist Problem ist nur, dass diese Berichterstattung ein völlig falsches Bild von Afghanistan zeichnet. Denn aus der Presse kann man den Eindruck gewinnen, Erfolg oder Niederlage der Befriedung und Entwicklung des Landes hingen in erster Linie von der Präsenz der ausländischen Helfer ab.

Nicht die Ausländer sondern die Afghanen sind die Akteure

Frauen in Burqa sind ein beliebtes Motiv, da es symbolisch für die Lage der Frauen steht (Credit to: Lakerae/FLickr)Sicher spielen diese eine entscheidende Rolle. Doch militärisch haben von Anbeginn die afghanischen Soldaten und Polizisten die Hauptlast im Kampf gegen die Aufständischen getragen. Sie kämpfen an vorderster Front, sie erleiden die schwersten Verluste. Im Vergleich zu den tausenden toten afghanischen Soldaten und Polizisten erscheinen die deutschen Verluste seit Beginn des Einsatzes, auch wenn dies zynisch klingen mag, gering.

Ebenso wenig wie der militärische Sieg von der Präsenz der Isaf bestimmt wird, so wenig hängt der Erfolg der politischen Stabilisierung und Demokratisierung von irgendwelchen Beschlüssen internationaler Konferenzen ab. Es sind die Beschlüsse der Regierung, die Gesetze des Parlaments und die Urteile der Justiz, welche über die populäre Legitimität des Systems entscheiden. Doch was weiß man davon?

Wann hat man eine Reportage aus dem Parlament, eine Analyse der Wirtschaftspolitik oder einen Bericht zu den Urteilen der Gerichte in Menschenrechtsfragen gelesen? Was weiß man schon von der Bildungspolitik und ihrer Umsetzung, der Drogenbekämpfung und ihren Schwächen, der Landreform und ihren Mängeln? Die Legitimität des Systems wird davon bestimmt, inwiefern es zu einer Verbesserung des Alltagslebens der Menschen beiträgt.

Den Reportern fehlt die Innenperspektive

Das Reiterspiel Buzkashi wird auch immer wieder gerne photographiert, weil es ganz dem herrschenden Bild des Landes entspricht. (Credit to: Daniel Kerr/Flickr)Warum erfährt man dennoch nichts von der Arbeit der politischen Institutionen? Weil wegen der genannten Denk- und Verhaltensweise die Sicht der Medien zutiefst eurozentrisch ist. Die westlichen Helfer und Soldaten sind in dieser Sicht die Akteure, während die Afghanen nur als Opfer, Feinde oder Quertreiber vorkommen. Kaum ein afghanischer Beamter oder Politiker, der nicht irgendwie kriminell, korrupt oder sonst wie suspekt ist.

So wird implizit die Intervention gerechtfertigt: Seht her, sie können es nicht ohne uns! Zugleich spricht daraus ein tiefes Unverständnis der Denk- und Handelsweisen der Afghanen. Viele Journalisten, die über Afghanistan berichten, waren nie dort oder nur im Gefolge irgendeines durchreisenden deutschen Politikers, was ungefähr aufs Gleiche hinausläuft. Das wäre nicht schlimm, wenn sie sich wenigstens sonst mit dem Land auseinandergesetzt hätten.

Natürlich gib es auch die anderen Journalisten, die seit vielen Jahren die Entwicklung des Landes verfolgen, wiederholt dort waren und sich auch mit Geschichte, Kultur und Politik beschäftigt haben. Doch selbst diese Journalisten greifen nicht selten, weil der Platz für eine differenzierte Darstellung fehlt bzw. dem Publikum das Verständnis für komplexe Zusammenhänge nicht zugetraut wird, auf die immer gleichen Vorstellungen zurück.

Die Taliban sind eine brutale Guerilla nicht das absolut Böse

Bärtige Männer mit Turban sind so, wie man sich im Westen gerne den Afghanen vorstellt. Doch ist dieses Bild repräsentativ? (Credit to: Rybolov/Flickr)Einige dieser Vorstellung gehen noch auf die britische (Reise)Literatur des 19. Jahrhunderts zurück. So das Bild des kriegerischen Pathanen, dem der Krieg quasi die zweite Natur ist, das infolge der vernichtenden Niederlage des britischen Expeditionskorps entstand. Oder das Bild der Talibanherrschaft, die als Inbegriff der blutrünstigen, fanatischen Tyrannei gilt, und das bestimmt wird von den Szenen öffentlicher Hinrichtungen von Dieben und Ehebrechern.

Natürlich war das Regime der Taliban menschenverachtend und frauenfeindlich. Wer will schon Gutes davon sagen? Doch zugleich war es eine Zeit des Kriegs und des Chaos, in der sich auch die anderen Parteien durch äußerste Brutalität und Rücksichtslosigkeit ausgezeichnet haben. Eine Dekonstruktion des Bilds der Taliban ist notwendig, denn solange sie als Verkörperung des Bösen gelten, ist jede realistische Einschätzung unmöglich.

Kaum jemand stellt sich die Frage, wer eigentlich die Taliban heute sind. Der Begriff wird verwendet, als ob es sich um eine hierarchisch gegliederte Bewegung handele, die dem Befehl eines Führers folgt. Es ist heute hinlänglich bekannt, dass Taliban Schüler heißt. Doch längst stammt die große Mehrheit der Taliban nicht mehr aus den Koranschulen des Grenzgebiets. Längst ist es ein heterogenes Bündnis verschiedener Gruppen und Splittergruppen, die vielfach ihre eigene Politik und Richtung verfolgen.

Solange man nicht versteht, welche sozialen, politischen und wirtschaftlichen Logiken auf der Mikro- und Makroebene den Aufstand bedingen, kann man ihn nicht lösen. Es ist notwendig, die Afghanen als eigenständige Akteure wahr- und ernst zu nehmen und ihnen eine eigene Logik zuzubilligen, ohne jede Abweichung von den westlichen Vorstellungen rationalen Denkens und Handels gleich als traditionell und irrational abzuqualifizieren.