Afghanische Asylanten: überall Flüchtlinge, nirgendwo Menschen

Artikel veröffentlicht am 9. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 9. Oktober 2009
Sie durchqueren den Iran, die Türkei, das Ägäische Meer und dann Griechenland, in der Hoffnung endlich in einem EU-Mitgliedsland anzukommen. Aber aufgrund der Bestimmungen der Dublin-Konvention II sitzen sie als Geiseln des Asylrechts in Italien fest.

In der Via Ostiense versucht man unsichtbar zu sein. Rom ist für viele afghanische Flüchtlinge in der Hauptstadt eine schwierige Stadt zum Ausreisen. Das ist schon seit Jahren so. Es ist aber auch eine schwierige Stadt zum Bleiben oder besser, um sich wirklich niederzulassen. Am Morgen des 15. April 2009 zum Beispiel führten die blauen Zelte, die von freiwilligen DHR-Helfern (Ärzte für Menschenrechte) ausgeteilt werden, die Polizei zu einem der Lager. Wenig später begann die Aufräumaktion. 

Anonyme Stimmen

Foto: Guy Ferrandis“Ich muss hier warten bis mein Asylantrag bearbeitet wurde“: Samadali und die anderen wiederholen das Gefühl undeutlich. Tagsüber sieht man sie in Vierergruppen neben den leeren Peroni Bierflaschen und benutzten Taschentüchern beim Eingang der Metrostation Piramide an der Linie B in Richtung Laurentina sitzen. Sie sprechen Paschtu, die Sprache, die in Afghanistan von den Pashtunen, einem ostiranischen Volk in Süd- und Zentralasien, gesprochen wird, und sind besonders vorsichtig. Sie mögen keine unerwarteten Besucher.

Einige unter ihnen sind noch sehr jung, andere sehr alt, aber fast alle suchen Asyl. “Ich würde gern woanders hingehen, aber ich kann nicht. Ich durfte nur in Griechenland Asyl beantragen, aber ich bin dann gegangen, weil es nicht sehr gut lief. Ich konnte keine Arbeit finden. Hier habe ich ein paar Dinge, um die ich mich kümmern muss. Ich helfe einem Freund von mir. Ich kann nicht bleiben, aber ich kann auch nicht gehen. Ich will auf keinen Fall wieder nach Athen zurückgehen müssen. Und jetzt kann ich noch nicht einmal wieder zurück nach Kabul gehen, wo ich geboren wurde.” Sie alle befinden sich mehr oder weniger in der gleichen Situation. Die Geschichte einer langen Reise kennen alle nur zu gut: den Iran, die Türkei, das Ägäische Meer, Griechenland und zuletzt Italien zu durchqueren, wo sie alle eine lange Zeit warten werden.

Flüchtlinge, keine Menschen

In Griechenland haben viele dieser Menschen die Möglichkeit verloren, sich woanders eine zivilisierte Existenz aufzubauen. Dies gilt auch für die anderen EU Mitgliedsländer. Denn nach der Dublin-Konvention II muss ein Asylantrag in dem ersten EU-Mitgliedstaat gestellt werden, in den der Flüchtling seinen Fuß setzt. Für die Afghanen ist dies Griechenland.

“So wollte ich das nicht”, erzählt ein 20-Jahre alter junger Mann. “Ich wusste nicht, ob ich nach Italien gelangen konnte, wo ich meinen Bruder treffen sollte. Und ich wusste nicht, ob ich dort einen Antrag auf Asyl stellen konnte. Mir wurden Fingerabdrücke abgenommen. Eigentlich wollte ich mich in Europa, weit weg von den Aufrührern in Afghanistan, sicher und glücklich fühlen. Doch man behandelte mich wie einen Verbrecher. Genau wie ich vorher aus Ghazni in Afghanistan geflohen war, floh ich nun aus Athen. Nichts hat sich seither verändert. Wo immer ich auch hingehe, werde ich als Flüchtling, nicht als Mensch wahrgenommen.”

Die Flüchtlinge schlafen in einem Lager, in der Nähe des Bahnhofs. Samadali sagt, die Zelte, die Rücken an Rücken aufgebaut werden und die nur durch die Kleidung, die draußen jeden Tag zum Trocknen aufgehängt wird, voneinander getrennt sind, erinnern ihn an die Weißen Berge (Safed Koh), die sein früheres Zuhause umgaben. “Dieses Stück Leder, das ich von Zuhause mitgenommen habe, ist wie Parfum für mich.” Ghazni, eine Stadt etwa 200 Kilometer westlich von Kabul, ist berühmt für die Produktion von besticktem Leder und die Weißen Berge waren schon immer ein geeignetes Versteck, vor allem für die Taliban. Auch heutzutage behaupten einige Leute, dass Osama Bin Laden die Berge nie verlassen habe.

Foto: lessio/flickr

Leute auf der Durchreise

Die Weißen Berge von Rom hingegen verstecken ihre Bewohner hinter alten Eisenbahnwagen mit derselben Diskretion, wie es die Natur machen würde. “Bis gestern war hier ein Junge, der neben meinem Zelt schlief. Er blieb drei Wochen lang und ging dann. Er wurde in eine Jugendstrafanstalt gebracht, weil er nur 15 Jahre alt war.” In diesem Lager und wahrscheinlich auch in anderen kommen die Leute an und finden es schwierig zu bleiben. Es gibt eine hohe Fluktuation, die jeglichen Gemeinschaftssinn verhindert. Alem kommt oft zu Besuch zurück. “Ich komme nicht zurück, um jemanden spezielles zu treffen - es gibt nur ein paar wenige Leute, hauptsächlich Erwachsene, die hier eine lange Zeit bleiben. Nein, ich komme zurück, um sicherzustellen, dass es meinen Leuten immer noch gut geht und sie es irgendwie schaffen zu überleben.”

Ich würde gerne mein eigenes Buch veröffentlichen.

Alem kam im Alter von 15 Jahren, nach dem Tod seiner Eltern und nachdem er durch die

Region Peloponnes in Südgriechenland gereist war in Italien an. Er blieb nur zwei Nächte in Ostiense. „Dann wurde ich in die Obhut der Fürsorge gegeben. Es gelang ihnen, politisches Asyl für mich zu erhalten. Aber zwei Jahre lang zu warten war schrecklich. Ich hatte soviel Angst.” Jetzt studiert er Buchhaltung in Rom und seine Geschichte gilt als so außergewöhnlich, dass sie nun in dem Buch La città dei ragazzi (‘die Stadt der Jungen’) von Eraldo Affinati als eine von fünf Geschichten erscheint. “Aber ich würde gerne selbst über meine Erfahrungen schreiben. Ich würde gerne mein eigenes Buch veröffentlichen.” Alem lächelt. Samadali hingegen holt einen zerknüllten Zeitungsartikel, den er vor über einem Jahr aus einer Tageszeitung ausgeschnitten hat. “Sehen Sie das? Lesen Sie. Ich kenne diesen Mann. Er kommt aus demselben Dorf wie ich. Er kam in Italien an, indem er sich an einem Lastwagen festhielt, der von Griechenland wegfuhr. Starke Arme, nicht wahr?”

Es ist spät geworden und die Leute beginnen sich in ihren eigenen Zelten niederzulassen. Alem grüßt sie, und eine Person sogar mit Namen. “Sie werden behandelt, als wären sie Landstreicher, die man verjagen muss, die man nach Hause zurückschickt oder jemand anderem andreht. Die Grenzen der Lager ändern sich und die Bewohner sind verstreut. Die Situation ist nicht einfach: Die Flüchtlinge sind dem Tod im Krieg entkommen und daher würde keiner von ihnen zurück nach Afghanistan kehren, nicht einmal für eine kurze Zeit. Aber gleichzeitig wissen sie nicht, wo sie am nächsten Tag sein werden oder wo sie leben können. Sie müssen sich verstecken, an einem Ort bleiben und einfach abwarten. Aber manchmal ist warten an einem Ort das einzige, worauf man hoffen kann: Es ist besser, Flüchtling an einem Ort zu sein als für immer auf der Flucht.”