Adopte un mec: Anmach-Discounter aus Frankreich

Artikel veröffentlicht am 28. November 2012
Artikel veröffentlicht am 28. November 2012
Adopteunmec.com [Adoptiere einen Typen] ist eine Art Online-Dating-Supermarkt, wo Frauen einkaufen und Männer Charme senden. Das Erfolgsrezept der Franzosen? Hier haben die Frauen das Sagen. Der Untertitel der Webseite lautet „männliche Objekte zum Streicheln“ [*hommes-objets à câliner]. Seit Februar 2012 darf auch in Italien und Spanien gestreichelt werden.
Zwischen Hyperfeminismus, Ironie und Konsumrausch, hier der Erfahrungsbericht von 3 Männern auf der Einkaufsliste.

Adopteunmec.com ist eine der erfolgreichsten Internetseiten Frankreichs der letzten Jahre. Die Datingplattform, auf der die Frauen das Sagen haben, wurde von den Baggerexperten und Geeks Florent Steiner und Manuel Conejo, beide 34 Jahre alt, im September 2008 lanciert. Schnell hat sich die Partnerbörse neben Meetic und Co. unter jungen Großstädtern etabliert, die ein bisschen von allem suchen: Von One Night Stands über einen einfachen Flirt oder seriösere Geschichten.

Mit dem kleinen aber feinen Unterschied: Nicht die Männer machen hier den ersten Schritt, sondern die Damen der Schöpfung, die entscheiden, ob „Bogoss78“ oder „Misterlove“ mit ihnen in Kontakt treten dürfen. Die Männer sind wie Produkte im Supermarktregal verfügbar: Sie werden nach „Skills“ (Masseur, handwerkliche Begabung oder guter Koch) oder „Accessoires“ (ein Doppelbett oder ein schnittiges Auto zum Beispiel) von den Mädels benotet.

Frauenpower

Im Klartext: 'Adopte un mec' spielt die LOL-Karte aus. Aber eins scheint klar, liefe das Konzept anders herum ("Adoptiere eine Frau"), würde wohl direkt Skandal geschrien. Wenn jedoch Männer als Objekte behandelt werden, stellt man sich gern vor, dass sie zustimmen und obendrein Spaß dran haben. Drei 'Typen', die sich auf der Seite eingeschrieben haben, bestätigen den Trend. Sie sind um die 20 und sehen Adpotunmec.com als die Online-Übersetzung des aktuellen Konsumrauschs - mit seinem guten und schlechten Seiten.

Der erste, nennen wir ihn Jules, hat sich vor zwei Jahren zum ersten Mal registriert, hat dann lange nicht mehr geklickt und ist seit einem Monat wieder auf dem Markt. Als Student ging er täglich etwa zwei Stunden online, heute schafft er es nur noch fünf Minuten pro Tag. Er macht keinen Hehl daraus, warum er sich angemeldet hat: „Schneller Sex mit Unbekannten und mit ein wenig Glück vielleicht irgendwann auch jemanden treffen, der mir den Kopf verdreht.“ Klar, die Frauen, mit denen er bisher längere zusammen war, hat Jules IRL (in real life) kennengelernt, und - „auf natürlichem Weg“. „Natürlich“ heißt in etwa beim Weggehen mit Freunden, im Büro oder dank gemeinsamer Bekannter.

Maxime ist ein erfahrener Nutzer, der auf Adopte Liebe gefunden hat. Für ihn habe die Seite den Vorteil, dass sie sich nicht allzu ernst nimmt und sich der Sprache ihrer jungen Zielgruppe - jung, urban, komplexfrei - bedient. Die Wortspielereien rund um das „Objekt Mann“ stören Maxime rein gar nicht, im Gegenteil: „Ich betrachte mich nicht wirklich als Objekt, sondern als Quelle der Unterhaltung und des Vergnügens, als eine Art 'Service', LOL.“

Und dann ist da noch David, der Dritte im Bunde der Adopte-Objekte. Er ist seit Oktober 'zu erwerben', findet die Verführungsspielchen "amüsant" und die Erfahrung insgesamt eher eine „mit Spaßfaktor“. Dass die Frauen „alles in der Hand haben“ gefällt David: „Toll, wenn die Mädels das Spiel wirklich mitspielen, das ist schlussendlich wie Rollentausch. Hier sind es die Frauen, die Initiative ergreifen, dich auswählen und einladen. Das ist fast respektvoller als im wirklichen Leben oder in irgendeinem Klub. Denn die Mädels, die ich beim Weggehen kennenlerne, wissen weit weniger über mich, als diejenigen, mit denen ich stundenlang auf Adopteunmec geredet habe.“

Die Jungs sehen den Dating-Supermarkt eher pragmatisch. Was immer man tue und lasse, man werde trotzdem als Objet behandelt, meint David. Jules sieht Adopte als einen Reflex unserer Zeit, sicherlich auch in ihren dunkelsten Facetten: „Die Seite hat einen provokativen Unterton und beschreibt ganz gut die heutigen sexuellen und gefühlsmäßigen Beziehungen, die komplett 'industrialisiert' sind.“ Eine ziemlich schwarze Sicht der Generation Y. „Heute hast du nur wenn du 'hype' bist das Recht, eine Frau zu begehren.“

Spieglein, Spieglein

September 2012Und machen wir uns nichts vor: Eine Partnerbörse lebt ja gerade auch vom erfinderisch-verführerischen Bild, das die User von sich entwerfen, vom ein oder anderen netten Detail oder einem weitaus attraktiveren Leben, als es das in Wahrheit ist. „Ich habe bemerkt, dass ich mehr Schwierigkeiten hatte Frauen hier kennenzulernen, als ich noch angegeben habe, dass ich in der Vorstadt lebe. Seit ich 'wohnhaft in Paris' angebe, geht das mit dem kennenlernen viel einfacher“, erklärt Jules.

Zugegeben: die Jungs auf Adopte un mec, die dort einen auf „cool“ machen, scheinen in Realität nicht wirklich zu wissen, wie man mit diesen sehr selbstbewussten Frauen umgeht, geschweige denn wie man die heutige Maskulinität am besten definiert: Der „Typ von heute ist ein Jäger, der gelernt hat, sich den New Age Methoden im Zeitalter der digitalen Begegnungen wie in Supermärkten anzupassen.“ David hingegen antwortet einfach und bescheiden, dass der heutige Mann „kompliziert“ sei.

In Kurzfassung: Das Ganze ist wenig verlockend für die Frauen der Schöpfung, die in puncto Männer offensichtlich eher 'shoppen' als auf die Jagd gehen. Frauen schwanken heute zwischen der Suche nach dem idealen Mann - der allen Punkten auf der Liste entspricht - und leichter Ironie. Denn dass der charmante Prinz eine eher verstaubte Idee ist und selbst ihre Großmütter nur so getan haben, als würden sie daran glauben, war auch vor Adopteunmec bereits glasklar.

Die Dating-Seite erzählt die Illusion der Frauen über ihre eigene Macht der Verführung und gibt den Jungs Gelegenheit, sich vom „ersten Schritt“ zu befreien, wie Maxime sagt. Adoptunmec.com beruht demnach auf einer ziemlich eigenartigen Vorstellung von der Beziehung zwischen den Geschlechtern: Die Plattform macht aus der Frau die maitresse des Spiels, Männern wird die Möglichkeit auf einen netten Abend vorgegaukelt, das Ganze jedoch allzu oft, ohne aus der Virtualität ausbrechen und tatsächlich auf Tuchfühlung gehen zu können.

Illustrationen: Mit freundlicher Genehmigung der ©Facebook-Seite von adopteunmec.com