Achtung, Katze: Von der europäischen Literatur in den Abfall

Artikel veröffentlicht am 20. September 2010
Artikel veröffentlicht am 20. September 2010
Die Facebook-Gruppe zum Aufstöbern jener Frau, die im englischen Coventry vor einigen Wochen eine Katze grundlos in den Abfallcontainer warf, erreichte blitzschnell 43.000 Fans. Das von der Sicherheitskamera der Katzenbesitzer aufgezeichnete Video ging um die ganze Welt, die erwischte Täterin bat aus Angst vor Racheakten der empörten Masse um Polizeischutz. Bereut sie ihre Tat?
Ein kurzer Blick auf das Bild der Katze in der europäischen Literatur genügt, um festzustellen: Vermutlich nicht. Denn Katzen kommen dort oft nicht gut weg ...

In England geht eine Dame mittleren Alters auf den Straßen von Coventry spazieren und wirft im Vorbeigehen aus unerklärlichem Grund eine Katze in die Tonne. In Italien erteilt ein „opinion leader“ und leitender Angestellter der staatlichen Rundfunkanstalt RAI (mittlerweile suspendiert) in einer Fernsehsendung Ratschläge, wie man Katzen „auf vicentinische Art“ kocht. Also, bitte! Etwas mehr Respekt könnten wir ihrer Majestät, der Katze, entgegenbringen. Und dies nicht nur, weil sie oft die Lebensbegleiterin einsamer Frauen ist, ein nützlicher Rattenjäger und eleganter, unberechenbarer Bewohner der Dächer unserer Städte. Sie verdient außerdem Respekt als eine der wichtigsten Protagonisten der europäischen Literatur. Eine Tour de Katz durch die europäische Literatur.

Lewis Carroll: Die surrealistischen Dialoge zwischen Alice und… der Grinsekatze

Tim Burtons letzter Spielfilm, inspiriert vom Märchenbuch Alice im Wunderland (Alice's adventures in wonderland, 1865), eines englischen Pfarrers, bekannt als Lewis Carroll, brachte sie erneut ins Rampenlicht. Die unvergessliche Grinsekatze, ein rätselhafter und verwirrender „Wegweiser“, begegnet der Protagonistin der Geschichte mehrere Male während ihrer phantastischen Reise ins Wunderland voller Feengestalten. Bei seiner Erfindung stützte sich Carroll auf beliebte alte Volkssagen, nach denen englische Dörfer in der Vergangenheit von unsichtbaren Katzen bevölkert waren. Es heißt, der Autor habe das Aussehen des Cheshire-Katers (so ihr Titel im englischen Original) einem damals berühmten Werbeplakat für Cheshirekäse abgeschaut, einem renommierten Produkt seines Heimatlands. Wer könnte sich dem Zauber der herrlichen Unsinn plappernden Märchengestalt und ihrem geheimnisvollen Grinsen entziehen?

Charles Perrault: Katzen sind nicht nur geheimnisvoll

Illustration von Carl Offterdinger Wesentlich schillernder ist die Gestalt des berühmten "Gestiefelten Kater", der ursprünglich einer alten europäischen Fabel entstammt und durch die Feder des Franzosen Charles Perrault zu Weltruhm gelangte. Perraults stolze, seiner Macht bewusste Figur, ist Protagonist in seinem Märchenzyklus Die Erzählungen von Mutter Gans (Contes de ma mère l'Oye, 1697). Auch er rückte vor nicht allzu langer Zeit - dank der Zeichentrick- VerfilmungShrek - verstärkt ins öffentliche Bewusstsein. Der gestiefelte Kater symbolisiert Schlauheit und Durchsetzungsvermögen. In der Fabel hilft er seinem Herrchen, einem mittellosen Waisenkind, zum Prinzen aufzusteigen. Dies gelingt ihm dank seiner Intuition und seiner Fähigkeit, menschliche Schwächen für seine Ziele zu nutzen. Unvergesslich ist sein Wortduell mit dem Riesen vor dem Zauberschloss, bei welchem er ihn überredet, sich in eine Maus zu verwandeln, damit er sie fressen und sich so Zutritt zum Schloss verschaffen kann.

"Pinocchio" von Carlo Collodi: Eine andere Art der Schlauheit

Wie jeder weiß, kann man die Vernunft sehr wohl auch zu bösartigen Zwecken benutzen. Man wird kaum ein Kind finden, dessen Meinung über unsere haarigen Zeitgenossen nach der Lektüre von Pinocchio (1881), des italienischen Autors Carlo Collodi, nicht negativ beeinflusst wäre. Die Figur des Katers, untrennbar verbunden mit seinem Compagnon - dem Fuchs, wurde im öffentlichen Bewusstsein zum Symbol "par excellence" für Betrug und geheuchelte Freundschaft. Listig stellt er sich blind, "verursacht durch zu viel Lesen", um der armen Holzpuppe, Pinocchio, auf seinem Weg zur Menschwerdung wiederholt das ganze Vermögen zu rauben. Welche Grausamkeit! Collodi lässt ihn, zum Glück, diesmal nicht ungestraft davonkommen. Am Ende der Geschichte wird er tatsächlich blind.

E.T.A. Hoffmann: Der Kater bin ich!

Andere Katzen können dafür fliegenEs gibt aber dennoch einen, der Katzen sein ganzes Leben lang zugetan war. Und nicht nur das. Der deutsche Schriftsteller und Komponist E.T.A. Hoffmann überließ es einem imaginären Kater, seine Biographie zu schreiben. Der Kater Murr wird häufig als das Meisterwerk des Autors Hoffmann angesehen (Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, 1820). Bekanntlich verbrachte der deutsche Literat während seines Aufenthalts in Bamberg den ganzen Tag in einsamer Abgeschiedenheit in einem engen Dachzimmer. Die tägliche Nahrung ließ er sich von seiner Frau durch eine Öffnung im Boden hereinschieben. Nur die Katzen leisteten ihm Gesellschaft. Die Geschichte soll die 'Autobiographie' einer dieser Katzen darstellen, die tatsächlich da war - und die während seines Aufenthaltes Lesen und Schreiben lernte und Schriftsteller wurde. Nach dem Tod seines geliebten Katers unterbrach Hoffmann das Schreiben und ließ das Werk unvollendet zurück.

Luis Sepulveda sagt: Was eine Katze verspricht, das hält sie auch

Das nächste Beispiel eines vertrauenswürdigen Katers ist die Erfindung des chilenischen Schriftstellers Luis Sepulveda. In seinem Bestseller Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte (Historia de una gaviota y del gato que le enseñó a volar, 1996), ist der sprechende Kater Zorbas die Hauptfigur. Nachdem er einer im Ölteppich gefangenen, sterbenden Möwe versprach, sich um ihr vor kurzem gelegtes Ei zu kümmern, zieht dieser mit Hilfe seiner Katzenkameraden die kleine Möwe groß und bringt ihr das Fliegen bei - obwohl die kleine Möwe meint, sie gehöre zu den Katzen. Die Figur Sepulvedas ist nicht nur intelligent und flexibel genug, um sich an Extremsituationen zu gewöhnen, sondern auch imstande, uns davon zu überzeugen, dass Katzen vertrauenswürdige und liebevolle Wesen sind. Zumindest jene, die, wie Zorbas, den Hamburger Hafen bevölkern.

"… er verschwand ganz langsam, von der Schwanzspitze beginnend, bis am Ende nur sein Grinsen zurückblieb, der noch einige Zeit verweilte, nachdem der Rest schon lange verschwunden war... ". Mit diesem Bild verlässt die Grinsekatze Lewis Carolls die Szene. Ein wesentlich eleganterer Abgang als das Verschwinden in einer Mülltonne.

Fotos: Artikellogo (cc)Wild Guru Larry/flickr; Gestiefelter Kater (cc) wikimedia;  Fliegende Katze (cc) LOLpics/flickr; Video: collinxp/YouTube; Sottoitigli/YouTube