Ab in den Westen

Artikel veröffentlicht am 20. März 2007
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Artikel veröffentlicht am 20. März 2007

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Vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind osteuropäische Wissenschaftler in den Westen ausgewandert. Zwei Forscher erzählen.

Die Abwanderung von Wissenschaftlern aus Osteuropa, der so genannten „brain drain“ ist ein wichtiges Thema: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende der Reiseeinschränkung durch das Schengener Abkommen sind allein aus Osteuropa 500 000 Wissenschaftler in den Westen gezogen.

Physicist Tõnu Pullerits (Photo: KK)Wir haben mit zwei estnischen Physikern über ihre Erfahrung gesprochen. Der eine hat Estland vor zwanzig Jahren, die andere vor kurzem den Rücken gekehrt.

Tartu, Tallinn, Schweden

Ende der achtziger Jahre war der Unterschied zwischen dem sperrigen, sowjetisch beeinflussten Wissenschaftssystem in Estland und den übersichtlichen Technischen Universitäten Schwedens enorm. Der Physiker Tõnu Pullerits verließ deshalb sein Heimatland, um in Schweden Karriere zu machen.

„Ich musste für meine Forschungsarbeit enorm viel lesen. Tartu (die zweitgrößte Stadt Estlands) ist ca. 200 Kilometer von der Hauptstadt Tallinn entfernt. Diese Strecke musste ich jedes Mal zurücklegen, wenn ich eine wissenschaftliche Zeitschrift einsehen wollte“, berichtet Pullerits.

Das Fotokopieren wissenschaftlicher Texte war im sowjetischen Estland noch schwieriger: „Jedes Mal musste man die schriftliche Erlaubnis des Institutsleiters einholen. Man konnte die Kopiermaschine nicht selber bedienen – das durfte nur die damit beauftragte Person. Doch das monatliche Kopierpensum war lächerlich und während der Ferien war der Kopierraum verriegelt“, erinnert sich Pullerits an die Zeit vor 20 Jahren.

Nach Schweden kam er zum ersten Mal Anfang 1989. Um den „sowjetischen" Wissenschaftler vor möglicher kapitalistischer Gehirnwäsche zu bewahren, traf Pullerits vor seiner Abreise einen Agenten des KGB (ehemaliger sowjetischer Geheimdienst). „Ich wurde in das Büro eines jungen Mannes gebeten, den ich nicht kannte. Als wir allein waren, informierte er mich, dass Schweden ein befreundetes Land sei und mein dortiger Aufenthalt kein Problem darstelle. Ich müsse jedoch beachten, dass sich dort auch Amerikaner aufhielten. Ich wurde aus dem Büro mit dem Hinweis entlassen, den Geheimdienst nach meiner Rückkehr umgehend zu informieren, falls mir in Schweden etwas Verdächtiges aufgefallen war.“

Pullerits traute sich nicht zu widersprechen, äußerte jedoch seine Zweifel daran, dass ihm in Schweden ein verdächtiger Mensch begegnen werde. „Ich hätte den Raum empört verlassen sollen, habe mich jedoch nicht getraut, da ich Angst um meine Reise hatte. Im Rückblick schäme ich mich ein wenig, es nicht getan zu haben“, bereut der Wissenschaftler. Es war seine einzige Begegnung mit dem KGB.

Student scientist Marina Panfilova (Photo: KK)Mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern zog der damals 29jährige Pullerits im Mai 1992 nach Schweden, um seine Doktorarbeit fertig zu stellen. „Ich hatte nicht geplant, länger als zwei Jahre in Schweden zu verbringen, doch meine Forschungen waren erfolgreich, und ich bekam ein Stipendium des schwedischen Wissenschaftsrats.“ Den zwei Jahren folgten weitere vier. „Da das neue, unabhängige Estland zu dem Zeitpunkt andere Sorgen hatte als das Wohl seiner Wissenschaftler, wollten wir eigentlich nur bleiben, bis die Lage in Estland sich weitgehend beruhigt hatte.“ Der Forscher gibt zu, ein typisches Beispiel für den osteuropäischen Aderlass qualifizierter Arbeitskräfte zu sein. Heute ist er Professor für chemische Physik an der Universität Lund in der Südspitze Schwedens. Doch Pullerits hat die Idee einer Heimkehr nach Estland noch nicht ganz verworfen.

Familienwanderung von Estland nach Deutschland

Marina Panfilova ist Doktorandin der Physik an der Universität Paderborn. Sie hat Estland 1999 mit 18 Jahren verlassen, um ihren Eltern zu folgen. Das war zu der Zeit, als die deutsche Regierung der jüdischen Bevölkerung der ehemaligen Sowjetunion erlaubte, nach Deutschland zu emigrieren. „Ich hatte mir vorgenommen, dort eine Weile mit meinen Eltern zu leben und die Sprache zu lernen, um schon bald wieder nach Estland zu meinen Freunden zurückzukehren“, erinnert sich Marina. „Doch nachdem ich ein wenig herumgekommen war und mir einige Universitäten angesehen hatte, bin ich schließlich doch geblieben, um mein Physikstudium anzufangen.“

Die größte Herausforderung sei gewesen, ihren Hund mit nach Deutschland zu bringen. „Ich hatte kein eigenes Auto. Das einzige alternative Transportmittel nach Deutschland für Reisende mit Haustieren war das Flugzeug. Also musste ich mehrere Tierarztbesuche abstatten und meinem Hund einen Reisepass, einen Hundekäfig, Schlaftabletten und ein Flugticket zum Normaltarif besorgen. Das ganze hat mich weit mehr gekostet, als ich eigentlich bereit war, auszugeben.“ Ärgerlich vor allem deshalb, weil die Papiere des Hundes am deutschen Grenzposten im am Ende doch nicht kontrolliert wurden.

Es war dann doch schwierig für Marina, in der fremden Unterrichtssprache klarzukommen. „Ich musste jedes zweite Wort in den Aufgaben übersetzen, um überhaupt zu verstehen, worum es ging“, erinnert sie sich an ihre Anfänge an der Paderborner Universität. „Das hat manchmal Stunden gedauert. Im Unterricht merkte man, dass ich den Anschluss oft nicht fand.“ Doch nachdem sie einen überdurchschnittlichen Masterabschluss hingelegt hat, kämpft sie sich nun tapfer durch ihre Doktorarbeit, für das sie ein Stipendium des Fachbereichs bekommen hat.