"A Serbian Film": Kein Snuff-Movie, sondern Katharsis

Artikel veröffentlicht am 1. April 2011
Artikel veröffentlicht am 1. April 2011
In Belgrad scheinen Kultur und Kreativität zunehmend den Maulkorb des Konformismus und das Label des politically correct aufgedrückt zu bekommen. Für viele bedeutet der Beitritt Serbiens zur EU noch eine Verschärfung der Konditionen.
Drehbuchautor Aleksandar Radivojevic, der mit seinem kontroversen A Serbian Film (Srpski Film; 2010 ) die perfekte Metapher eines indignierten Schreis einer Kunst, die frei und unabhängig sein will, für das serbische Publikum geschaffen hat, steht in Belgrad Rede und Antwort.

Serbien steuert zunehmend in Richtung Europa. Freut das die Serben? Nicht wirklich. Nicht nur nationalistische Strömungen sehen im Westen eine Bedrohung für politische und religiöse Traditionen im Land, sondern auch ein gewisser avantgardistischer Kunstsektor, der das Gefühl hat, seine Hände seien zunehmend gebunden. In dem Land, in dem man weltweit die meiste Zeit vor dem Fernseher verbringt (durchschnittlich 5h39 täglich, mehr als in den USA), scheint das Risiko einer kulturellen Standardisierung in greifbarer Nähe.

Für Aleksandar Radivojevic, Film- und Theaterautor, der mit Brot und Cronenberg groß wurde, habe Serbien eine kalte Dusche bitter nötig. Eine blutige Dusche, könnte man an dieser Stelle problemlos hinzufügen, denn sein letzter Streifen A Serbian Film konzentriert Szenen von Gewalt, Tortur und Pornographie, die in der Vergewaltigung eines Neugeborenen gipfeln. Als ich den Filmemacher in seinem Haus in Belgrad treffe, verwirren mich seine imposante Statur, sein doppeldeutiges Lachen und seine sichere Stimme.

Zu viele seichte Komödien

"Für Ausländer ist hier alles schön“, sagt mir Aleksandar, während er mir ein Glas Bier einschenkt und mir eine Zigarette anbietet. „Hier wird überall getrunken und geraucht… man fühlt sich freier.“ Das war mir auch schon aufgefallen. „Aber wenn man hier wohnt“, fügt er hinzu, „ist alles anders. Auf künstlerischem und kreativem Niveau ist alles erstickt, betäubt, desinfiziert. Die Wut und Gewalt in unserem Film kristallisiert sich genau aus diesen Gründen heraus. Wir wollen das serbische Volk wachrütteln! Aber um hier arbeiten zu können, brauchen wir leider das Geld der Regierung oder europäische Subventionen. Und diese werden wiederum nur an „so genannte Künstler“ vergeben, die genau das fabrizieren sollen, was das längst genormte Publikum und die Kritik erwarten. Seichte romantische Komödien oder kaschierte Melodramen, die mit Hilfe eines Haufens heulender Waisen Mitleid provozieren sollen. A Serbian Film ist somit auch eine Metapher für diese Art von Filmen, die nämlich ihrerseits selbst die Pornographie und Prostitution unseres Verhängnis‘ darstellen.“

Sklaven des politically correct

(cc)lucbyhet/flickrDer unabhängig produzierte Film, der auch beim letzten Festival in Cannes gezeigt wurde, machte überall, wo er über die Leinwände lief, Furore. Besonders aber in Serbien selbst, wo man fast niemanden trifft, der ihn nicht als „abscheulich“ bezeichnet. Die Regierung zensierte A Serbian Film, die Polizei versuchte Kopien davon zu verbrennen, da sie den Streifen für einen Snuff-Film hielten. Auch in Ungarn und auf dem Film Festival in San Sebastian wurde der Film untersagt. „Politiker versuchen die Augen vor dem zu verschließen, was sie nicht sehen wollen. Alles was sie interessiert ist ein unbeflecktes und glückliches Porträt ihres Landes. Und dafür verkaufen sie die schlimmsten Dinge der Gesellschaft für Geld und Erfolg.“ Und die Kultur? „Die ist die letzte der Prioritäten“, erwidert Aleksandar Radivojevic sichtlich genervt. Junge Nachwuchskünstler und deren Kreativität haben das Nachsehen. „Wir sind Sklaven des politically correct. Auch das ist eine Form der Gewalt, der Unterwerfung: die Freiheit öffentlich zu verteidigen, aber alle diejenigen zu unterdrücken, die die Dinge anders angehen wollen - das wird vom Establishment schief angesehen. Mit der Annäherung an Europa werden die Filme immer gleichförmiger, die Kreativität wird im Keim erstickt, alles endet in Heuchelei. Hier sucht man nach Leuten, die das System unterstützen und außerdem will man untalentierte Leute dafür.“

Man könnte also sagen, das System funktioniert frei nach dem Motto: Du zerstörst meine Zukunft und tust so, als wäre nichts gewesen? Und ich hau Dir deshalb mitten auf der Straße eine runter? „Die jungen Leute, die heute auf den Straßen und in den Stadien für Chaos sorgen, sind mit der Hölle des Krieges aufgewachsen, ohne dass sich irgendwer um sie geschert hätte“, erklärt Aleksandar. „Sie sind deprimiert, unglücklich, unterdrückt. Die meisten unter ihnen sind Analphabeten, in dem Sinne, dass die Mehrheit weder lesen noch schreiben kann. Verstehst Du? Und die, die keine Analphabeten sind, werden chronisch unterbezahlt: Die Lehrer beispielsweise, die ja eigentlich die Aufgabe haben, bei jungen Menschen Leidenschaften hervorzurufen, haben ihre eigenen Probleme zu bewältigen. Die jungen Serben sind lebendige, kümmerliche Föten. Sie wissen genau, dass ihre Eltern sie abgetrieben hätten, wenn sie das Geld gehabt hätten.“ Und das Licht am Ende des Tunnels? „Es ist schwer heutzutage optimistisch zu sein“, sagt Aleksandar abschließend. „Den letzten Mann, der noch ein paar Werte besaß [Zoran Đinđić, ehemaliger Premierminister Serbiens, wurde 2003 ermordet; A.d.R.], haben wir getötet.“

Illustrationen: Homepage: Screenshot "A Serbian Film"/Youtube; Aleksandar Radivojevic  (cc) lucbyhet/flickr; Videos: (cc)Youtube