9. Mai? - Der Geburtstag meiner Exfreundin!

Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2013
Vor 63 Jahren hatte der französische Außenminister Robert Schuman eine Idee, die Europa den bisher längsten Frieden seiner Geschichte bringen sollte: Die Europäische Union. Dass am 9. Mai trotzdem kaum jemand den europäischen Jahrestag feiert, liegt nicht nur an der derzeitigen Krise.

Dieses Jahr ist der 9. Mai in Deutschland tatsächlich ein Feiertag: Die Menschen werden auf die Straßen gehen und auf die Väter der Nation anstoßen – es ist schließlich Christi Himmelfahrt, und damit traditionell Vatertag. Aber ob auch jemand Robert Schuman feiert, den Vater der Europäischen Union? Probiert es aus: Die wenigsten wissen überhaupt, dass an diesem Tag Europatag ist!

9. Mai? – „Der Geburtstag meiner Exfreundin!“

Ich hab’s getan. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur eine einzige von rund 80 Freunden und Bekannten in meiner kleinen, nicht-repräsentativen Befragung wusste sofort, dass am 9. Mai Europatag ist. Als ich meine Kommilitonen (in einem internationalen Erasmus Mundus Master Programm) auf Facebook fragte, was sie mit dem 9. Mai verbinden, kamen spontan Antworten wie „Das ist der Geburtstag meiner Exfreundin!“. Oder, nachdem sie nachgegoogelt hatten: „An dem Tag hat Dana International 1998 den Eurovision Song Contest gewonnen!“. Einige andere – aus der Ukraine oder Georgien, zum Beispiel – meinten, dass in ihrem Land am 9. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert werde. Aber Europatag?! Beinahe konnte ich fühlen, wie sich die virtuellen Auenbrauen hoben – wenn ich es nicht selbst offline bei meiner Familie und Freunden sah.

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1985 wurde vom Europaparlament beschlossen, am 9. Mai den Europatag zu feiern. Aber wem könnte man vorwerfen, nichts davon zu wissen, wenn es kaum irgendwo ein Festprogramm gibt? Da heißt es zwar auf der offiziellen Webseite der Europäischen Union: „Die Vertretungen in Europa und der restlichen Welt organisieren verschiedenste Aktivitäten und Veranstaltungen für Jung und Alt“ – aber wer nicht gerade zum Tag der offenen Tür nach Brüssel, Luxemburg (beides schon am 4. Mai) oder Straßburg (erst am 19. Mai) reist, dürfte kaum etwas von diesen Feierlichkeiten mitbekommen. In Deutschland lassen sich nach langem Suchen allenfalls ein paar Aktionen der Europäischen Kommissionsvertretung in Süddeutschland finden. Überzeugendes Marketing sieht anders aus.

Altes Ehepaar Europa

Warum ist am Europatag eigentlich so wenig los? Es mag vielleicht teuer sein, ein großes Programm aufzuziehen wie zum 25. Jahrestag des Erasmus-Austauschprogramms im vergangenen Jahr oder dem 60. Jahrestag der Schuman Erklärung 2010. Aber sollten uns Jahrzehnte des Friedens das nicht wert sein? Bedenkt man, dass die Kompetenzen einzelner Nationen unter der wachsenden Bedeutung der Europäischen Union schrumpfen, fragt man sich, warum wir eigentlich lieber unsere Unterschiede als unsere Gemeinschaft feiern: Am Nationalfeiertag gibt’s offiziell einen freien Tag für die Bürger – am Europatag nicht.

Am Nationalfeiertag gibt’s offiziell einen freien Tag für die Bürger – am Europatag nicht.

Manchmal kommt mir Europa vor wie ein altes Ehepaar, das seine langjährige Beziehung für selbstverständlich hält und dabei jeglichen Enthusiasmus verloren hat. Als die Gründer der EU sie zusammen brachten, überstrahlte die bestechende Idee von Liebe und Frieden unter einem gemeinsamen Sternenhimmel alle strukturellen oder ökonomischen Unterschiede – zu groß war der Wunsch nach Vereinigung. Heute sind davon nur die matt glänzenden Sterne auf der gemeinsamen Flagge übrig. Stattdessen rücken nach vielen gemeinsamen Jahren die Fehler des anderen immer mehr in den Vordergrund. In der derzeitigen Beziehungskrise ist der Jammer dementsprechend groß, und manch einer denkt schon an die Trennung. Doch noch ist tief im Herzen ihre Angst vor dem Alleinsein und der unbekannten Zukunft zu groß, um diesen Schritt tatsächlich zu wagen.

Offene Grenzen für Horizonterweiterung

Im deutschen Alltag ist noch immer recht wenig von den Auswirkungen der Krise zu merken – dagegen wäre es verständlich, wenn zum Beispiel die arbeitslose Jugend Spaniens Europa aufgeben würde. Das Gegenteil ist der Fall: Viele von ihnen sind bereit, auszuwandern um die Chancen eines freien Arbeitsmarkts in der EU wahrzunehmen, oder sich für ein Praktikum bei der Europäischen Kommission zu bewerben. Ein Grund dafür könnte das immer beliebtere Erasmus-Programm sein, das internationale Offenheit, das Lernen neuer Sprachen und die Erfahrung anderer Kulturen durch Austausch fördert. Doch selbst wenn man nicht die Chance hat, an einem Austausch teilzunehmen, gibt es immer noch die offenen Grenzen, die sich beim Reisen fast unmerklich überqueren lassen – immer häufiger muss man danach nicht einmal mehr die Währung wechseln.

Und das ist nicht nur der Verdienst von Robert Schuman, dessen Idee diese Horizonterweiterung möglich gemacht hat, sondern auch der aller Mütter und Väter, die ihre Kinder beim Reisen durch Europa begleiten oder unterstützen. Ich werde deshalb am 9. Mai mein Glas erheben, um auf sie anzustoßen: auf meinen eigenen Vater, der mir in meiner Jugend auf diese Weise schon so viel von Europa gezeigt hat, und auf Robert Schuman, dessen Idee dies so viel einfacher gemacht hat.

Dieser Artikel ist Teil einer von Mitgliedern des Forums für Europäische Journalismusstudenten (FEJS) ins Leben gerufenen Sonderausgabe zum „Europatag“.

Foto: Teaser (cc)Noah_Diamond/Flickr/offizielles Profil auf Myspace