6 Filme, um das Cannes-Festival zu verstehen

Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2017

Das Filmfestival von Cannes ist vor allem bekannt für seinen roten Teppich, kurze Kleider, Pailletten und ordentlich Sonnenstrahlen. Die Filme, die man mit Cannes verbindet, sind allerdings oft düster und manchmal auch ein bisschen langatmig - ein Kino zwischen artistischem Genie und intellektueller Masturbation. Eine subjektive Auswahl - ganz ohne Michael Haneke.

Am Tag nach der Eröffnungsrede anlässlich des 70-jährigen Cannes-Jubiläums steht vor allem Monica Beluccis Kleid im Mittelpunkt - und nicht das, was die Schauspielerin gesagt hat. Eingehüllt in die mitternachtsblauen Falten ihrer Robe würdigte die Italienerin eines der weltweit größten Filmereignisse und setzte dabei auf verschiedene Parabeln und kryptische Höhenflüge. Eine köstliche Mischung, die stellvertretend für einen Ort steht, der den Glamour der people und die Tiefe einer sehr speziellen Kunstform miteinander vereint.

Generell stellt sich die Frage, wie man ein Festival beschreiben soll, das sich zwischen gesellschaftlicher Realität und rotem Teppich bewegt. Zwischen Pedro Almodóvar und Emily Ratajkowski. Zwischen mise en abyme und Dekolletés. Gar nicht so einfach. Doch trotz gewisser Unbeständigkeiten bietet Cannes jedes Jahr aufs Neue das: einzigartige Filme, die einige super finden, andere unerträglich. Was wäre, wenn es einen Algorithmus gäbe, um den perfekten Cannes-Film zu erschaffen (#Autorenkino #sozial #lang und #schräg)? Die cafébabel-Redaktion hat für euch Filme ausgesucht, die zwar nicht die Goldene Palme gewonnen haben, dafür aber sehr gut das Festival repräsentieren - sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

The Lobster von Yorgos Lanthimos (2015)

Eine Schar angesagter Schauspieler - John C. Reilly, Colin Farrell, Rachel Weisz und Léa Seydoux -, ein griechischer Regisseur, ein dystopisches Setting. So sieht das Fundament von The Lobster aus, dessen typischstes Cannes-Merkmal die völlig abgedrehten Geschichte ist, die der Film erzählt: Die Geschichte eines modernen Mannes, der in ein Tier verwandelt wird, wenn er es innerhalb von 45 Tagen nicht schafft, sich zu verlieben. Der Filmtitel jedenfalls enthält alle nötigen Informationen. Bleibt nur die Frage: Wird der Mann sich für oder gegen das Leben als Hummer entscheiden?

Mustang von Deniz Gamze Ergüven (2015)

Draußen ist es heiß, drinnen stickig und die Mädchen lümmeln auf dem Boden herum. Fast wie in The Virgin Suicides geht es um fünf Schwestern - in Mustang aber leben sie verwaist im Norden der Türkei bei ihrer Großmutter. Nach der Schule verbringen sie ihre Nachmittage am Strand und haben viel Spaß mit chicken fights, die sie auf den Schultern der Jungs austragen. Diese Unbeschwertheit weicht bald der Botschaft, die die Regisseurin Deniz Gamze Ergüyen zum Thema Freiheit, Sexualität und Emanzipation loswerden will. Und schon ist der typische Cannes-Algorithmus sichtbar: Er zeigt sich in den Bildern dieser Mädchengeneration, die feststeckt zwischen jugendlicher Rebellion und konservativem Milieu. Jede Szene ist ein Botticelli-Gemälde, wo jede Schwester wie eine apathische Venus posiert. So Cannes

Venus im Pelz von Roman Polanski (2013)

Konzentrische Konzentration auf eine Spiegelung, bourgeoise Schlüpfrigkeiten, Selbstreferenzen… All das, was Cannes ausmacht, ist in Venus im Pelz enthalten. Verkörpert vom französischen Paar Emmanuelle Seigner/ Mathieu Amalric repräsentiert der Film die perfekte Formel für die Goldene Palme. Im Wettbewerb 2013 scheiterte er dann aber an Blau ist eine warme Farbe von Abdellatif Kéchiche. Ist jedoch völlig egal, denn Roman Polanski rächte sich bei der Verleihung der Césars mit dem Preis für den besten Regisseur - und sein Film bleibt ein Film in einem Film, eine Adaption eines Theaterstücks in einer Adaption eines Romans, ein certain regard (Titel einer der Cannes-Nebenreihen, AdR) in einem certain regard, ein Beginn in einem Beginn.

Vorsicht Sehnsucht von Alain Resnais (2008)

Ein Film von Alain Resnais. Seht selbst.

Die Haut, in der ich wohne von Pedro Almodóvar (2011)

Dieser Film hatte alles, um an der Croisette zu triumphieren. Esoterischen Sex, Betrug, Pedro Almodóvar und Einsamkeit. So viel Einsamkeit. Trotz der vielen Wendungen im Filmgeschehen vergehen die zwei Stunden nur in etwa so schnell wie Jean-Louis Trintignant in Liebe, zwischen Lärm und Stille. Die Haut, in der ich wohne lief 2011 im Wettbewerb, konnte die Goldene Palme aber nicht gewinnen. Dieses Jahr ist Pedro Almodóvar Jury-Präsident und bereit, sich zu rächen. Es wird blutig.

Mia Madre von Nanni Moretti (2015)

Eine etwas neurotische Regisseurin versucht, das Leben der Arbeiter in einer Fabrik zu filmen, die bald schließen muss. Währenddessen ringt ihre Mutter im Krankenhaus mit dem Tod. Gleichzeitig entpuppt sich der Schauspieler, den die Regisseurin für die Hauptrolle des Chefs ausgewählt hat, als Idiot. Außerdem hat sie sich gerade scheiden lassen und macht sich Sorgen um ihre Teenager-Tochter, der die Schule ziemlich egal ist. Glücklicherweise ist ihr Bruder da, aber seine Ruhe, sein Style - Pullover über Karohemd - sowie die Tatsache, dass er von Nanni Moretti dargestellt wird, sorgen für Missstimmung. Kurz gesagt ist Mia Madre also ein Film darüber, sich mal gehen zu lassen. Aber dieses Sich-gehen-lassen ist bourgeois: Man betrinkt sich mit Romanée-Conti, weil man eine Frau ist, zerrissen zwischen ihrer Leidenschaft für das Kino und ihrer lästigen Pflicht als Mutter. Zeitgenössische tristesse, existentielle Angst, Selbstaufgabe: In diesem Film steckt ein ganzes Festival.

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