3D-Regisseur Tomasz Bagiński: Der letzte Tango in Warschau?

Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2011
Der Kurzfilm des bekannten polnischen Regisseurs stellte die 6-monatige EU-Präsidentschaft Polens als einen leidenschaftlichen Tango dar und kostete den Steuerzahler um die 130.000 Euro. Polens wohl bekanntester Animationsfilmer wurde 2002 für den Oscar nominiert. Warum also solch massive Kritik?

Die Storyline ist folgende: Europa, repräsentiert als apathisch-finstere und reservierte Frau, wird von Polen zu einem passionierten Tanz aufgefordert. Während das Paar vor der glanzlosen Kulisse zu tanzen beginnt, wechseln die Gebäude Farbe und Form. Jeder, der diesen Film gesehen hat, hat auch eine Meinung dazu. Vielleicht auch weil während des Tanzes eine goldene Halskette von Europas Hals verschwindet, was Entrüstung bei vielen Zuschauern hervorrief. Als sei Polen verantwortlich für den Diebstahl.

Videokritik zur Ratspräsidentschaft: Polen fordert zum Tanz mit den Sternen

Wir treffen den polnischen Illustratoren Tomasz Bagiński im Hauptsitz von Platige Image in Warschau. Er hält eine Kaffeetasse in der Hand und vermittelt den Eindruck, dass er nicht massig Zeit für unser Gespräch hat und auf dem Sprung ist. Der 35-Jährige aus der nordöstlichen Stadt Bialystok gibt zu, dass er (leider) gar nicht mehr so viel mit Animationsfilmen am Hut hat, da er nun vollzeit die neuesten Filme der Firma produziert. Nostalgisch erinnert er sich an die Zeiten zurück, in denen er noch als Grafiker arbeitete. „Die Arbeit als Regisseur ist viel weniger spannend als ich dachte“, sagt er. „Ich sehe Anderen beim Arbeiten zu. Im Großen und Ganzen handelt es sich um eine Managerfunktion. Und das ist oftmals weniger kreativ als die Arbeit am Fließband in einer Fabrik.“

cafebabel.com: Tomek, Du warst verantwortlich für den Animationsfilm, mit dem der 6-monatige Vorsitz Polens des Europäischen Rates am 1. Juli lanciert wurde. Fühlst Du Dich verantwortlich dafür, Deine Arbeit vor den zahlreichen Kritikern zu verteidigen?

Tomasz Bagiński: Ich bin ja nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten und habe natürlich mitbekommen, dass der Film nicht ganz so enthusiastisch aufgenommen wurde. Trotzdem hatte ich nicht so heftige Kritiken erwartet. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie können wir Polen nur schwer Distanz zu Dingen nehmen. Hey, es ist doch nur ein 3-minütiger Film. Es ist nicht so, als hinge die polnische Regierung von diesem Film ab. Es handelt sich ja nicht um die griechischen Schulden! Der Fakt, dass das Budget 554.000 Zloty [130.000 Euro] betrug, ist kein Geheimnis. Und wieviel würden Steuerzahler erst sparen, wenn sie nur einen Tag aufhören würden zu rauchen? Von diesem Geld könnten wir den Film einige Male drehen.

cafebabel.com: Welche Nachricht wolltest Du mit dem Film vermitteln?

Tomasz Bagiński: Das Projekt war von Anfang an eine Herausforderung. Der Film dauert nur 3 Minuten und wir wollten ihn nicht mit Inhalten überladen. Die Idee war simpel. Eine Frau wartet an einem mehr oder weniger netten Ort, der aber keine Seele halt. Ein Mann stößt dazu und sie beginnen zu tanzen. Je mehr Rhythmus und Vertrauen der Tanz bekommt, umso schöner und angenehmer wird auch ihre Umwelt. Ich denke, die Message ist recht einfach. Zunächst sollte Polen die Frau sein und Europa der Tanzpartner, doch der allgemeine Effekt war zu negativ. Wir wollten eine subtilere Metapher.

cafebabel.com: Kritiker behaupten, Du hättest lediglich eine animierte Version der polnischen TV-Show Tańca z Gwiazdami [Tanze mit den Stars] kreiert und Augustin Egurolla [einem kubanisch-polnischen Choreographen und Animationsautoren] zu einem besseren Ruf verholfen…

Tomasz Bagiński: Auch diese Kommentare habe ich verfolgt. Alles in allem waren etwa zwei Drittel der Öffentlichkeit gegen den Film. Einige der Kommentare waren hart, aber darauf war ich vorbereitet. Schlussendlich sprechen wir hier vom Internet. Und dort werden sich immer Kommentare aller Art tummeln, egal ob der Film nun qualitativ wertvoll ist oder nicht. Vielleicht könnten einige Passagen des Animationsfilms verbessert werden, doch darüber spreche ich nur privat. Ich muss aber zugeben, könnte ich einige Passagen verändern, würde ich das tun.

cafebabel.com: Würdest Du den Film grafisch oder metaphorisch verändern?

Tomasz Bagiński: Ich würde die Grafik verändern, um die Metapher besser herauszustellen. Es ärgert mich, dass die Kritiker die Message nicht kapieren. Bis vor einigen Monaten war ich überzeugt davon, dass das eines der besten Werke ist, das wir bisher produziert haben. Wir haben nicht damit gerechnet, dass uns so viele Steine in den Weg gelegt würden. Insgesamt haben wir ungefähr 2500 Animationsfilme in den letzten 8 Jahren gemacht. Doch die Feinheiten dieser Tanzszene haben uns acht mal mehr Zeit und Aufwand gekostet als die Filme der Vergangenheit.

cafebabel.com: Wie äußerst Du Dich zu der im Film plötzlich verschwundenen Halskette?

Tomasz Bagiński: Die Leute sagen, der Pole wird’s wohl gestohlen haben! Amüsanter Weise hat der Grafikkünstler es schlicht und einfach vergessen. Wir vermitteln keine geheimnisvollen Anti-Polen Botschaften.

cafebabel.com: Was erwiderst Du denjenigen, die behaupten, die Botschaft sei zu wenig subtil und geradlinig?

Tomasz Bagiński: Hätten wir einen geradlinigen Film gemacht, in dem sich kunterbunte Pixel in Arabesken zusammenfügen, hätten wir vielleicht eine künstlerisch reifere Animation zustande gebracht. Aber wir hätten nicht solch eine Debatte provoziert. Und die Debatte war unser erstes Ziel. Jeder kann seine eigene Meinung in den Film projizieren, auch kritische Stimmen sind willkommen. Es war uns immer wichtig, dass der Zuschauer den Film individuell interpretieren kann. Und das ist in solch einer kurzen Zeit nicht einfach.

Fotos: ©Tomasz Bagiński/Facebook