30 Jahre Solidarność: Abgenutzt!

Artikel veröffentlicht am 31. August 2010
Artikel veröffentlicht am 31. August 2010
Am 31. August feiern wir in Polen 30 Jahre Solidarność (dt. Solidarität), die erste unabhängige freie Gewerkschaft Polens. 9 Jahre nach der Gewerkschaftsgründung, die aus einer Streikbewegung hervorging, endete der Kommunismus in Polen.

Solidarität” ist ein präzise gewählter Term, um den Esprit der Polen zu beschreiben. Es gibt nur ein großes „ABER“ - wir sind immer nur über die Niederlage vereint - nie im Erfolg. Den Menschen in Polen wird nur Beachtung geschenkt, wenn sie leiden, niemals aber, wenn es ihnen gut geht. Und da wir ja nun schon seit einigen Jahrhunderten gelitten haben, fühlten wir, dass die Welt große Schritte vorwärts tut und dabei aufhörte uns zu bemitleiden.

Auch litauische Expats in den USA unterstützen die Bewegung

Es ist beachtlich, dass viele polnische Helden, wenn sie einmal auf der Sonnenseite stehen, oftmals von der öffentlichen Meinung als Feiglinge und Verräter wahrgenommen werden. Da wären beispielsweise Czesław Milosz (Nobelpreisträger, Kommunist und Polen-Kritiker), Ryszard Kapuściński (ein international anerkannter Reporter, Lügner und Kommunist), Władyslaw Bartoszewski (renommierter Politiker, „Jude“ und Polen-Kritiker), Adam Michnik (Chefredakteur der ersten offiziellen oppositionellen Tageszeitung im kommunistischen Polen, Gazeta Wyborcza).

Sogar die Gespräche am Runden Tisch in Polen, die zu in dieser Region Europas noch nie dagewesenen freien Wahlen führten, werden von Teilen der Gesellschaft immer noch als Verrat angesehen. Im Großen und Ganzen: Während Lügner und Ankläger die Rollen tauschen, bleibt das Problem auf dem Tisch - und die wahrhaftige Solidarität unerreicht. Und ja, das hätte ich beinahe vergessen, auch die Wahrnehmung von Wahrheit verändert sich.

Seit neuestem ist nun Lech Walesa der polnische Anti-Held schlechthin. Der entthronte Anführer der Solidarność blieb den wichtigsten Feierlichkeiten um den 30. Jahrestag der von ihm gegründeten Bewegung fern. Im Konflikt mit seinen ehemaligen Kameraden schrieb er auf seinem Blog (vom 29. August 2010), dass er nach 30 Jahren persönlichem Einsatz nun endlich ein wenig Frieden wolle. „Physisch abgenutzt“, fügte er hinzu. Verständlich.

Der Mythos des Kampfes um des Friedens willen, der in tausend Versionen und von tausenden Mündern wiedergekäut wurde, verliert allmählich seinen Glanz. Wie soll sich die junge polnische Generation heute vorstellen können, dass „Solidarität großartig ist“, wenn früher in genau dieser Manier eingebläut wurde, dass der ein oder andere kommunistische Autor „großartig“ sei und von der „großartigen Solidarität“ heute draußen nichts zu spüren ist. Genau diese Form des polnischen Bildungssystems wurde bereits von Witold Gombrowicz in seinem Buch Ferdydurke kritisiert. Diese beinhaltete Inhalte als „großartig“ hinzunehmen, ohne diese zu hinterzufragen. Während die Helden von gestern über Geschichte reden, dreht sich die Welt weiter ohne zurückzublicken. Und die junge Generation tut es ihr gleich.

Fotos: ©thomsson/flickr; ©Hellebardius/flickr