25 Jahre Mauerfall: Sagen, man sei dabeigewesen 

Artikel veröffentlicht am 5. November 2014
Artikel veröffentlicht am 5. November 2014

Die Theatergruppe sollte an diesem Freitag ausfallen, weil Weltgeschichte stattfand. Erinnerungen einer jungen Berlinerin an 1989.

Der 9. November 1989 war ein kalter, klarer Donnerstag. Die Vortage waren grau und regnerisch gewesen, aber an jenem Novemberdonnerstag kam die Sonne raus. Ich hatte wie die meisten West-Berliner Grundschüler nach der fünften Stunde Schluss und war um kurz vor eins zu Hause. Was ich nachmittags gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Termine hatte ich sicher keine, so etwas hatten Kinder damals nicht. Nur freitags, da ging ich immer zur Theatergruppe. Die aber sollte in dieser Woche ausfallen, weil Weltgeschichte stattfand. 

Erst am Freitag hatten es alle begriffen. Wahrscheinlich drang die Nachricht nachts, als ich schlief, in unsere Wohnung. Meine Eltern waren jedenfalls schon am Frühstückstisch ganz aufgelöst. Im Radio lief die Rundschau vom RIAS-Berlin in Dauerschleife. In der Schule sagten die Lehrer, heute sei ein besonderer Tag, den wir nie vergessen dürften. Die Theaterprobe fiel aus. Man ahnte, dass etwas im Gange war. 

Am frühen Abend stürzten im Radio die Bastionen im Minutentakt: Sonnenallee – offen. Checkpoint Charlie – offen. Glienicker Brücke – offen. Kirchhainer Damm – offen. Meine Großmutter packte alle im Haus vorrätigen Süßigkeiten in Jutebeutel. Damit fuhren wir zur Ausfallstraße unseres Bezirks, die seit Jahrzehnten Sackgasse gewesen war. Jetzt wurde sie zum Einfallstor in den Westen. Wir stellten uns an den Straßenrand und klopfen auf die Trabbis. Die Trabbis hupten. Wir zündeten Kerzen an und verteilten Bonbons. Ich sah einige Kinder aus meiner Klasse mit ihren Eltern, alle waren mit ähnlichen Tüten bewaffnet, viele Erwachsene hatten feuchte Augen.

Dabeigewesen im Kofferraum

Abends bin ich am Brandenburger Tor gewesen. So zumindest will es die Familienlegende. Leider kann ich mich an nichts erinnern. Laut meinen Eltern lag ich im Kofferraum unseres VW-Kombi in Decken gewickelt und schlief süß und selig, während draußen Geschichte geschrieben wurde. Wenn mich heute Leute fragen, wo ich gewesen sei, damals, sage ich immer: Ich bin dabeigewesen. 

Was war eigentlich passiert? Es gibt auf diese Frage sehr verschiedene Antworten. Die Journalistin in mir würde sagen, dass ein graumelierter Herr schlecht vorbereitet auf einer Pressekonferenz auftrat und dass er mit seinem Versprecher einen politischen Tsunami auslöste. Die Historikerin, die ich geworden bin, würde sicherheitshalber gar nichts sagen, sondern bedächtig den Kopf wiegen. Sie würde die Gegenfrage stellen: Sind große historische Ereignisse aus der Nähe überhaupt zu verstehen?

Was ist schon ein Vierteljahrhundert mehr als ein Zwinkern der Weltgeschichte?– Bitte Geduld, meine Damen und Herren, wir werden Ihnen schon noch zu geeigneter Zeit erzählen, wie und warum der Kalte Krieg zu Ende ging und ob die Transformation der Welt, die vielleicht erst am 11. September 2001 in eine spürbar neue Phase eintrat, die euphorischen Hoffnungen des Moments erfüllte oder nicht doch auch enttäuschte.

Das Kind in mir, das ich damals war, aber antwortet, dass etwas in der kalten, klaren Novemberluft lag. Etwas, das anders war als noch am Vortrag und dass die Erwachsenen zum Weinen brachte. Etwas, das uns zeigt, dass alles auch immer anders kommen kann, als wir denken.  

Cover-Foto ©Eugenio Frasca/ eugeniofrasca.com