24 Stunden in Kabul

Artikel veröffentlicht am 27. September 2005
Artikel veröffentlicht am 27. September 2005

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Der Alltag der Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation in Afghanistan, die sich trotz Raketen und kultureller Missverständnisse verliebt hat in das Land.

Nach dem faden Jurastudium aufgebrochen, um sechs Monate lang das „Abenteuer“ in der afghanischen Hauptstadt zu erleben und für eine französische Nichtregierungsorganisation (NRO) zu arbeiten, bin ich zwei Jahre später immer noch da - und verliebt in das Land. Außer sehr früh morgens. Bei Tagesanbruch gegen 4:30 Uhr wird man von der Stimme des Muezzins geweckt. Heute steht der Besuch eines Mikrokredit-Projektes im Hinterland von Kabul auf dem Programm. Dies bedeutet vier Stunden Fahrt auf einer steinigen Straße, während der man den Eindruck bekommt, einen Boxkampf gegen das Auto zu führen. Mein Begleiter hat sich entschieden, einen Vortrag über die afghanische Poesie zu halten, um mir danach sehr genau den Frontverlauf der letzten zwanzig Jahre zu erklären. Dennoch, gewisse Funktionäre internationaler Organisationen finden es normal zu behaupten, dass das aktuelle Jahr der islamischen Zeitrechnung – „Naw Roz Tabrik“, das Jahr 1384 – dem Niveau der intellektuellen und sozialen Entwicklung der Mosleme entspricht... Ein vielsagender Befund.

Schwere Aufgaben

Wir kommen im Dorf an und werden sehr förmlich von den afghanischen Kollegen empfangen. Ich füge mich den Begrüßungsritualen, die bei jedem Treffen unvermeidlich sind. „Wie geht es Ihnen? Geht es Ihnen gut? Sind Sie auch bei guter Gesundheit? Und guter Laune? Wie geht es Ihrer Familie? Den Kindern? ...“ Es schließt das Essen an, das wir auf Kissen sitzend einnehmen. Auf dem Speiseplan stehen: Fettreis, ein Stück Fleisch, das im Öl schwimmt, rote Bohnen und Trauben. Danach ist eine Zusammenkunft mit mehreren lokalen Amtsträgern und Familien geplant, um die Wirkung des Mikrokredit-Projekts, das wir angeleiert haben, zu messen. Es passiert sehr oft, dass sich unsere Gastgeber stundenlang darüber beschweren, dass die NROs nicht genügend Projekte umsetzen. „Da Sie ja Mikrokredite vergeben, könnten Sie nicht auch einen Brunnen bauen und uns vielleicht noch schnell einen Traktor kaufen?“ Es gibt in Afghanistan zwei Sichtweisen der NROs. Einerseits jammert „Herr Jedermann“, dass der Wiederaufbau des Landes nicht schnell genug voran schreitet und prangert die Korruption bestimmter Organisationen an (oftmals Baufirmen, die den NRO-Status annehmen, um leichter an Verträge mit Geldgebern zu kommen und keine Gewinnsteuern zahlen zu müssen...) – liebt aber die NRO „um die Ecke“, die seinen Bewässerungskanal wieder in Stand gesetzt hat. Andererseits gibt es die Taliban und Al-Kaida, die die Anwesenheit der internationalen Gemeinschaft für alle afghanischen Probleme verantwortlich machen und die Ausländer töten, wenn sie die Gelegenheit haben. Trotz allem sind einige Beschwerden durchaus legitim: die plötzliche Ankunft unzähliger NROs im Jahr 2002 rief schwerwiegende Koordinationsprobleme hervor. Des Weiteren ist es für einen Afghanen, der 25 Jahre Krieg und Elend erlebt hat schwierig, so viele Ausländer zu sehen, die in dicken Autos fahren und ein sorgenfreies Leben führen, ohne dass diese in der Lage wären, die Erwartungen der Bevölkerung zu erfüllen.

Humanitäre Hilfe – ein Geschäft wie jedes andere

Es ist 15 Uhr als ich heute zum 15. Mal zum Tee eingeladen werde und das fünfte Mal, dass ich die Einladung annehme. Es ist schwer die Gastfreundschaft der Afghanen abzulehnen, oder ihre Geschenke. Die Frauen fragen mich regelmäßig, ob ich verheiratet sei. Wenn ich verneine, versprechen sie mir, für mich zu beten, damit ich schnell einen Ehemann finde: „ In ihrem Alter – mit 27 – wird es langsam Zeit.“ In einem Land, in dem die Lebenserwartung bei 42 Jahren liegt, ist das ein starkes Argument. Bevor es dunkel wird, geht es schnell zurück nach Kabul, um mit einem Geldgeber Abend zu essen, der unser Projekt finanziert. Ziel dabei ist, sehr freundlich zu sein und dem Geber immer Recht zu geben. Es gibt wenig Alternativen – kommt das Geld zu spät, verliert man seine Arbeit. Humanitäre Hilfe ist inzwischen zu einem Markt geworden. Die NROs müssen wettbewerbsfähig und rentabel sein und dabei wachsen. Diese Entwicklung, von den Geldgebern voran getrieben und seit einigen Jahre umgesetzt, hat die Professionalisierung einer Branche erlaubt, die sich noch in der Steinzeit befand. Freiwillige wurden durch Experten ersetzt, für die Not und Entwicklungshilfe zu ihrem Beruf wurde, und die auf diese Weise humanitäre Programme wirkungsvoller gemacht haben. Jede mittelgroße NRO (das ist die Mehrheit) muss entweder größer werden und sich radikal professionalisieren oder sterben. Aber die Geldgeber verlangen dafür von den NROs sehr viel und geben ihnen davor nur sehr begrenzte Mittel.

Sicherheit, Alkohol und Raketen

Jedoch ist das Leben für die humanitären Helfer nicht mehr so beschwerlich, wie direkt nach dem Krieg: Eimer wurden durch Duschen ersetzt und es gibt sogar durchgehend Strom. Insbesondere die Unterkünfte der Mitarbeiter der Vereinten Nationen erinnern an wahre Inseln westlichen Komforts mitten in einem Trümmerfeld. Man kann sogar jeden Abend im Restaurant essen gehen, wenn man sich über einige Sicherheitsregeln hinwegsetzt. Aber die Möglichkeiten sich zu amüsieren bleiben sehr begrenzt. Ein Freiluft-Kinoabend, der von und für die jungen Mitarbeiter der NROs organisiert wurde, die wie in New York leben und mit Schleier und Traditionen nichts am Hut haben, wird durch Raketenbeschuss unterbrochen. Alle stürzen sich in die Bunker… Man riskiert eher an Klaustrophobie zu sterben, als an einem Querschläger.

Morgen wird der Gebetsruf wieder um 4h30 ertönen. Warum ich bleibe? Um weiterhin von dieser Kultur zu lernen, die so kompliziert und widersprüchlich ist und einen immer wieder in Staunen versetzt. Und um den Ausgang dieser unendlichen Geschichte des Wiederaufbaus dieses Landes zu erfahren.