2012: Griechenland spart, Athen brennt

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2012
Das griechische Parlament hat Sonntagnacht mit großer Mehrheit dem Sparpaket zugestimmt, das die Troika für den nächsten Notkredit fordert. Parallel demonstrierten rund 100.000 Menschen gegen die Sparbeschlüsse, wobei es zu heftigen Ausschreitungen kam mit 40 Bränden und rund 100 Verletzten.
Bei einer ungeordneten Insolvenz kann das ganze Land in Flammen aufgehen, warnen einige Kommentatoren, andere heben die neue Zuversicht in der Euro-Zone hervor und empfehlen den Griechen, sich mehr anzustrengen.

To Vima Online: Zeichen für eine düstere Zukunft; Griechenland

Während der Massenproteste in Griechenland gegen die Sparbeschlüsse kam es in Athen und anderen Städten zu schweren Ausschreitungen. Mehrere Gebäude gingen in Flammen auf, die Polizei setzte Schlagstöcke und große Mengen Tränengas gegen Demonstranten ein. Diese Katastrophenbilder zeigen, was auf Griechenland zukommt, wenn es unkontrolliert Bankrott geht, meint die linksliberale Online-Zeitung To Vima: "Das, was wir am Sonntag erlebt haben, ist ein Zeichen für eine düstere Zukunft, die ähnlich oder schlimmer sein wird als die Lage in Argentinien vor zehn Jahren. Sogar diejenigen, die sich für eine Aussetzung der Kredittilgung und eine Insolvenz einsetzen, haben die Gefahr erkannt. [...] Eine unkontrollierte Insolvenz wird möglicherweise zu blinder Gewalt und Chaos führen. Deswegen muss der Bankrott verhindert werden." (13.02.2012)

Dagens Nyheter: Griechenland kann kein unmöglicher Fall sein; Schweden

Der Sparplan ist nur folgerichtig, da Griechenland allzu lange über seine Verhältnisse gelebt hat, meint die liberale Tageszeitung Dagens Nyheter und schwört die Griechen auf große Anstrengungen ein: "Die Löhne sind nach Einführung des Euro deutlich gestiegen, und der Anteil der Sozialtransfers am Wirtschaftsaufkommen hat sich im Laufe von zehn Jahren verdoppelt. Die Alternative zur Beschneidung der öffentlichen Ausgaben wäre, sich mittels Export aus der Krise zu arbeiten. Aber wie bereits der US-Professor Ricardo Hausmann betont hat, produziert Griechenland 'keine Maschinen, keine Elektronik und keine Chemikalien'. Um das enorme Defizit in der Zahlungsbilanz auszugleichen, muss die Exportbasis breiter werden. Das braucht Zeit. Die baltischen Länder wurden zu einer brutalen Kur zur Bekämpfung ihrer Krise gezwungen. Irland ist nach einer Bruchlandung wieder auf dem Weg. Griechenland kann kein unmöglicher Fall sein. Aber auch mit Unterstützung durch die EU wird es viele Jahre lang eigene Anstrengungen erbringen müssen." (13.02.2012)

Trouw: Austritts-Spekulationen zeigen, dass Eurozone ihr Selbstbewusstsein wiedererlangt; Niederlande

Die Spekulationen über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone haben erfolgreich Druck auf Athen ausgeübt, meint die christlich-soziale Tageszeitung Trouw, die daraus Hoffnung schöpft: "Die offenen Stellungnahmen, dass ein Austritt Griechenlands keine Katastrophe wäre, zeigen nämlich auch, dass die Euro-Zone langsam ihr Selbstvertrauen zurückgewinnt. Inzwischen herrscht die Überzeugung vor, dass der Euro eine griechische Pleite überleben wird, dass ein griechisches Scheitern keine vernichtende Spirale Richtung Rom, Madrid und Lissabon in Gang setzt. Keiner kann Garantien geben, aber offensichtlich herrscht mehr Vertrauen darauf, dass die Notmaßnahmen auf nationalem und europäischem Niveau sowie die neuen Vereinbarungen der Euro-Länder wirken werden. Vielleicht denken viele auch, dass die Zeit der Angst lange genug gedauert hat. [...] Krisen gehen zwar nicht einfach vorbei, aber es hilft, wenn wir die Stimmung umschlagen lassen von Pessimismus zu Optimismus." (13.02.2012)

La Stampa: Korrupter Verwaltungsapparat wälzt Lasten auf die Schwächeren ab; Italien

Die gewalttätigen Proteste in Griechenland sind die Quittung für die verheerende Korruption in der Politik und sollten Italien eine Lehre sein, mahnt die liberale Tageszeitung La Stampa: "Wir sollten die Ereignisse in Griechenland aufmerksam verfolgen, denn sie können uns einiges lehren. Die Führer der beiden größten Parteien stimmen mit dem technokratischen Premier darin überein, dass neue Opfer unvermeidbar sind. Doch die Menschen können nicht mehr, denn bisher wurden die Opfer ungleich verteilt. Wir haben es mit einem durch und durch korrupten politischen Verwaltungsapparat zu tun, der die ganzen Lasten auf die Schwächeren abwälzt, nämlich auf diejenigen, die nicht zu den geschützten Berufsverbänden oder zur Klientel der Parteien gehören. Den Abgeordneten fällt es leichter den Steuerdruck zu erhöhen, als den Interessenverbänden auf die Füße zu treten. Schlimmer noch, die Unfähigkeit Privilegien abzuschaffen blockiert jeden Versuch, die Wirtschaft wiederzubeleben." (13.02.2012)

Correio da Manhã: Was bleibt ist das Bild von Gewalt; Portugal

Das Spardiktat aus Brüssel wird die Griechen verarmen lassen, was auf die EU zurückfällt, meint die Boulevardzeitung Correio da Manhã: "Was von einem weiteren drakonischen Sparpaket für Griechenland bleibt, ist das Bild von der Gewalt auf dem Syntagma-Platz im Herzen Athens. Am selben Tag warnte der deutsche Finanzminister die Hellenen, dass sie nicht weiterhin ein Fass ohne Boden sein dürften. Die Troika erzwingt eine weitere Dosis Verarmung, mit Lohnkürzungen und steigender Arbeitslosigkeit. Europa hat sich von den griechischen Politikern im vergangenen Jahrzehnt zum Narren halten lassen: Diese haben die Zeiten des einfachen und kostengünstigen Euro ausgenutzt, um das Land über alle Limits hinaus zu verschulden. Nun bietet Europa nur Sparsamkeit an. Und die Ablehnung dieses schmerzhaften Rezepts bedingt noch mehr Armut. Wenn die EU den Bürgern keine Hoffnung bietet, wird sie sehr bald in den Abgrund fallen." (13.02.2012)

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Illustrationen: (cc)how will i ever/flickr; Video: (cc)juliamila1/YouTube