1989: Ein kleiner Rückblick auf die samtene Revolution 

Artikel veröffentlicht am 26. September 2014
Artikel veröffentlicht am 26. September 2014

Ich habe keine persönliche Erinnerung an das Jahr 1989, denn zu Zeiten der samtenen Revolution war ich erst zweieinhalb Jahre alt. Doch ich höre gerne echten Geschichten zu, weil sie uns die Möglichkeit geben, die Geschichte besser zu verstehen als wir das je in Textbüchern könnten. Deshalb möchte ich ein paar Erinnerungen an den November 1989 in Prag weitergeben. 

Meine Verwandten und Familie haben mir viele Geschichten über die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Armeen des Warschauer Paktes und die Zeit der sogenannten Normalisierung (1969 - 1989) erzählt. Sie waren nicht unbedingt Vorzeigebürger und hatten dadurch einige Probleme während des kommunistischen Regimes. Vielleicht waren und sind ihre Erzählungen deshalb so interessant und erhellend für mich. Machmal sind sie lustig, machmal schwere Kost. Und jede Geschichte endet ungefähr mit dem Satz: „Glücklicherweise ist diese schreckliche Ära vorbei. Du solltest froh sein, in einem freien Land zu leben, indem du reisen kannst, wann immer und wohin immer du willst“. 

Der November 1989 war eine große Wende für meine Familie. Momente der Erleichterung, der Hoffung und des Glaubens an eine bessere Zukunft. Ich habe nie ihre Geschichten über die Tage der samtenen Revolution gehört, weil sie damals nicht im Zentrum des Geschehens standen. Aber ich kann ihre Gefühle zwischen den Zeilen hören, auch wenn sie die Worte nicht aussprechen. 

Der Kommunismus verliert die Unterstützung der Arbeiterklasse

Ein Dozent an der Universität hat mir einmal folgende Lektion über den Wandel des undemokratischen Regimes gegeben: Als er in Prag studiert hat, nahm er auch an ein paar Demonstrationen nach dem 17. November teil. Es gab viele davon, aber nur eine, die besonders denkwürdig und emotional war. Es passierte am Wenzelsplatz, der mitten in Prag liegt. Studenten und viele andere junge Menschen versammelten sich in kleinen Gruppen an der oberen Hälfte des Platzes. Es schien wie ein ganz gewöhnliches Event. Doch als die Arbeiter aus den Fabriken in Prag dazukamen und mit ihren Schlüsseln raschelten, wurde daraus schnell ein Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Freiheit und ihrer tiefen Unzufriedenheit mit dem Regime. In diesem Moment hatten die Kommunisten die Unterstützung der Arbeiterklasse verloren. 

Die Medien verbreiteten nur falsche Informationen und da die meisten Leute außerhalb der Hauptstadt oder größerer Städte wohnten, bekamen sie den Beginn der samtenen Revolution nicht mit. Deshalb reisten einige Menschen mit Postern durch die Tschechoslowakische Republik. Mein Dozent und seine Kommilitonen fuhren nach Mähren und wurden für das Verteilen von Anti-Regime-Flyern verhaftet. Sie kamen für einen Tag in ein Gefängnis, aber den Kommunisten begann damals schon ihre Macht zu entgleiten.  

Der 17. November 1989 und die samtene Revolution waren Meilensteine in der Geschichte der Tschechoslowakei. Die darauffolgenden Geschehnisse öffneten den Weg für Demokratie und Liberalisierung, aber auch für die spätere Teilung. Unsere Generation hat nur noch vage Erinnerungen an diese Zeit. Deshalb ist es so wichtig, die Erinnerungen und Geschichten von anderen zu entdecken. 

Beyond the Curtain: 25 Jahre offene Grenzen

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren traten acht postkommunistische Staaten der EU bei. Aber was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn jenseits der Grenze? Schreibt an berlin(at)cafebabel.com, um Teil des Reporterteams zu werden!