100 Jahre Frauentag: mehr als nur Blumen

Artikel veröffentlicht am 16. März 2010
Artikel veröffentlicht am 16. März 2010
Von Till Neumann Europaparlament, Plenartagung März 2010 Montag, 8. März, 17.10 Uhr, Europaparlament Straßburg. Der Plenarsaal füllt sich nach und nach. Einige weibliche Abgeordnete haben Blumen in der Hand. Man begrüßt sich, plaudert kurz, geht zum Platz. Dann wird es still. Jerzy Buzek, Präsident des Europäischen Parlaments, eröffnet die viertägige Plenartagung.
Auch er hat die Blumen gesehen: „Heute am 100. Internationalen Frauentag soll es mehr geben als nur Blumen für die Frauen. Dieser Tag ist Anlass wichtiger Debatten. Europa soll Vorbild sein, wir wollen die vollständige Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Ich wünsche allen Frauen, dass jeder Tag ihr Tag ist und dass auch hier im Europaparlament immer mehr Frauen sitzen.Martin Schulz, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Fraktion ergänzt: „Es ist ein Skandal, dass Frauen in der EU im Schnitt fast 20% weniger verdienen als Männer in gleichen Jobs. Wir wollen für Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit an gleichem Ort. Das darf uns nicht nur am 8. März interessieren.

Die Intensität der Debatte lässt an der Bedeutung des Themas keinen Zweifel. Laut dem Europarat erleidet in Europa jede vierte Frau Gewalt. Rechnet man das hoch auf die 34% weibliche Abgeordnete im Europaparlament sind allein unter den Parlamentariern über 60 Betroffene. Eine davon ist Eva Britt-Svensson (Europäische Linke), Vorsitzende des Ausschusses für die Rechte der Frau. Sie selbst hat Gewalt erlebt und kämpft nun dagegen. „Man glaubt immer Gewalt betrifft vor allem sozial Schwächere, Alkoholiker und Arme. Aber das ist ein Mythos. Gewalt gegen Frauen betrifft alle Schichten.

Um nicht nur in allen Schichten sondern auch in allen Ländern Europas gegen Gewalt gegen Frauen vorzugehen, hat das Parlament bereits Anfang März die Kampagne We can stop it! gestartet, die unter anderem von Nicole Kidman unterstützt wird.

Im Rahmen dieser Kampagne nimmt Britt-Svensson am gleichen Abend (8. März) an einer öffentlichen Diskussion in Straßburg teil. Gemeinsam mit der Richterin Maud Boer-Buquicchio, stellvertretende Generalsekretärin des Europarates, und dem Gleichstellungsexperten Marc Tarabella (Parti socialiste), wollen sie wachrütteln. „Gewalt gegen Frauen ist noch immer ein Tabu. Wir müssen darüber sprechen, es ist wichtig“, so Tarabella.

In der Diskussionsrunde bringt Britt-Svensson das Problem auf den Punkt: „Es heißt immer es sei kein Geld da, um betroffenen Frauen zu helfen. Ich aber sage Prävention würde sogar Geld sparen. Denn präventives Handeln ist günstiger als die aufwendige Betreuung der Opfer. Wir müssen schon im Kindesalter ansetzen. Müssen jungen Mädchen zeigen, dass sie Gewalt nicht akzeptieren dürfen. Müssen jungen Männern zeigen, dass Gewalt nicht der richtige Weg ist, um ein Problem zu lösen.

Auf dem besten Wege die Probleme der Frauen zu lösen ist unterdessen Spanien. Das Land hat nicht nur das Thema auf die Prioritätenliste seiner aktuellen EU Ratspräsidentschaft gesetzt, sondern in diesem Punkt auch eine der fortschrittlichsten Gesetzeslagen Europas. Frauen werden hier geschützt wie sonst nirgendwo in Europa. Die schwedische Richterin Boer-Buquicchio: „Wir brauchen effektive Gesetze wie in Spanien, oder beispielsweise der Türkei. Europaweit.“ „Aber ein Gesetz und dessen Umsetzung sind zwei paar Schuhe. Es braucht nicht nur Buchstaben, sondern auch konkrete Aktionen“, ergänzt Tarabella. Und Britt-Svensson macht den Vorschlag: „Wir sollten eine Behörde schaffen, die die verschiedenen Gesetzeslagen in Europa analysiert und daraus ein Idealmodell entwickelt. Um die Gewalt zu beenden müssen wir uns alle zusammentun. Gemeinsam können wir es schaffen.

Zum Abschluss der Debatte gibt es dann noch einmal Blumen. Aber nicht nur für die Frauen, sondern auch für die Männer. In diesem Punkt ist die Gleichberechtigung also schon geschafft.

(Foto: journée internationale de la femme)