1 Liste, 10 Namen: Webouting schwulenfeindlicher Gay-Politiker in Italien

Artikel veröffentlicht am 23. September 2011
Artikel veröffentlicht am 23. September 2011
Die Polemik war vorprogrammiert: Auf der ersten Outing-Liste des neuesten italienischen Skandal-Blogs Listaouting stehen seit heute 10 Namen. Es sind die Namen konservativer italienischer Politiker, die angeblich schwul seien und gleichzeitig Gesetze gegen Homophobie im Parlament abwählen. Die italienische LGBT-Community ist gespalten. Der unfreiwillige Outing-Fall schlägt hohe Wellen im Netz.

Die heftigsten Kommentare sind meistens auch die kürzesten: „Ich hasse Listen – sie haben etwas faschistisches an sich“, ist auf einer italienischen Infowebseite zu lesen. Exakt. Warum sollte ein nicht geouteter schwuler Politiker, vielleicht Familienvater, der in seiner konservativen Partei gegen aktuelle Homophobie-Gesetze stimmt, nicht auch ein Recht auf den Schutz seines Privatlebens haben? Die am 23. September auf dem von Aurelio Mancuso (Vereinspräsident von Equity Italia) lancierten Blog listaouting.wordpress.com veröffentlichte Liste zitiert 10 Namen von italienischen Politikern vor Regenbogenfarben und löst quasi im Handumdrehen heftige Diskussionen in der italienischen LGBT-Community aus. Die weiteren Macher des Blogs leben angeblich im Ausland.

„Die Initiative wurde geboren, um ein wenig Gerechtigkeit in einem Land walten zu lassen, in dem es Menschen gibt, die sich nicht gegen alltägliche Verbalattacken einer heuchlerischen und bösartigen Politriege wehren können“, erklären die Aktivisten um Aurelio Mancuso auf dem Blog. „Wir haben uns entschieden, mit den ersten 10 Namen rauszurücken. Wir wollen zeigen, dass Heuchelei und Diskriminierung im italienischen Parlament an der Tagesordnung sind.“

Paradox: Solidarität mit Schwulenfeindlichen

Insgesamt handle es sich um 100 Personen aus dem öffentlichen Leben, die auf Listaouting bloß gestellt werden sollen. Die 10 unfreiwillig ‚geouteten‘ Politiker auf der ersten Liste gehören einheitlich dem konservativen und rechtspopulistischen Parteienspektrum Italiens an (Unione di Centro, Popolo della Libertà, Lega Nord) – die ewigen Feinde der LGBT-Gemeinschaft - oder sind ehemalige Sozialdemokraten, Überläufer sozusagen. Die LGBT-Debatte in Italien wurde zusätzlich noch über die kürzliche Ablehnung eines neuen Gesetzes gegen Homophobie (legge sull'omofobia) weiter angefeuert.

Einige Namen auf der Liste verursachen lediglich ein Schulterzucken. Andere jedoch lassen schmunzeln, wenn man an einen der Slogans der rechtspopulistischen Lega Nord denkt: « La Lega ce l’ha duro! » (auf Deutsch in etwa: Die Lega ist immer hart!) und dann den Namen eines Ministers ebendieser Partei auf der Liste wiederfindet. Das vorherrschende Gefühl in Reaktion auf die Veröffentlichung ist jedoch Solidarität: Jeder sollte seine Sexualität frei ausleben können – und zwar ohne Etiketten. Zudem ist nicht klar, inwiefern die Outing-Informationen tatsächlich Wahrheitsgehalt haben.

Homosexuelle Freunde posten nun fleißig immer wieder den Link auf Facebook, andere – es geht sogar noch expliziter - schreiben die Liste Namen für Namen aus: „Ihr seid brutal! Das ist der letzte Dreck“ ist häufig in den italienischen Foren der größten Tageszeitungen zu lesen.

Die schlimmste Konsequenz ist aber, dass diese Operation „Webouting“ den Graben zwischen Gay und Hetero in Italien noch vertiefen könnte. Daran können wohl auch die Stimmen der bekannten schwulen Politiker und LGBT-Leader Ivan Scalfarotto (Vizepräsident der Demokraten (PD) und Paolo Patané (Präsident von Arcigay), die sich zum Fall geäußert haben, nicht rütteln. „Die Liste ist wiedermal ein klarer Beweis für die Mittelmäßigkeit, die in Italien herrscht“, erklärt Francesca, eine italienische Lehrerin, auf Facebook. Eine solche Liste in Umlauf zu bringen, sie zu teilen und zu kommentieren war keine gute Idee. Und die italienischen Medien haben ihren Teil dazu beigetragen. Die Denunzierung erhält somit etwas Universelles.

Foto: (cc) saturnino.farandola/flickr