0:3 im Kampf der Kulturen

Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2007
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Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2007
Endlich wird der Kulturkampf auch offensiv auf dem Rasen ausgetragen: In der Türkei hat ein Anwalt beantragt, den Sieg Mailands über Istanbul als religiöse Machtdemonstration zu werten und zu annullieren. Kein Wunder: Schließlich trugen die Interspieler ein Kreuz auf dem Trikot. Eine Glosse. Es soll Leute geben, die glauben, Fußball wäre ein Sport, bei dem 22 Spielern einem Ball hinterherlaufen.
Jeder aufmerksame Beobachter aber hat längst erkannt, dass der Rasen in Wahrheit ein Ort politischer Stellvertreterkriege ist. Besonders in einer Zeit, da Politiker nicht mehr wagen, die Dinge beim Namen zu nennen, aus Angst als Populist verschmäht zu werden, herrscht dort eine erfrischende Offenheit und Ehrlichkeit. Wo sonst darf man noch ungestraft rassistische Vorurteile herausbrüllen, chauvinistische Sprüche reißen und seine niedersten Instinkte ausleben?

Nur in einem Punkt war auch der Sport bisher zurückhaltend: In der Frage der Religion. Auf dem Rasen galt das unsinnige Diktum, dass der Glaube eine persönliche Angelegenheit und damit Privatsache sei. Man tat, als wäre es ohne Bedeutung, welcher Konfession ein Fußballer angehört. Man gab vor, dass es keine Rolle spielt, ob ein Stürmer Muslim, Jude oder Christ sei. Kommentatoren, die sonst zu allem etwas zu sagen wissen, übten sich im Schweigen, wenn sich Italiener und Brasilianer am Spielfeldrand bekreuzigten oder ein Franck Ribéry die Hände zum Gebet öffnete.

Damit ist es nun aber vorbei. Endlich ist der Kampf der Kulturen auch auf dem Platz angelangt. Wie kürzlich die Agenturen berichteten, hat nach der Niederlage von Fenerbahce Istanbul im Spiel gegen Inter Mailand (0:3) ein türkischer Rechtsanwalt Klage gegen die Spielwertung eingelegt, da es sich dabei um eine „prahlerische Demonstration der angeblichen Überlegenheit einer Religion handele“. Der Grund: Die Spieler von Inter trugen Trikots, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund zeigen. Da fragt man sich nur, warum zuvor niemand gewagt hat, gegen diese Demonstration christlicher Arroganz vorzugehen.