Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EuGH) verurteilte Rumänien am 26. Juli dieses Jahres wegen Unvermögens, der streunenden Hunde Herr zu werden. Gleichzeitig sorgt ein durch das Parlament verabschiedetes Gesetz für Auseinandersetzungen. Es sieht vor, die Euthanasie dieser Hunde, die auch Maidanezi genannt werden, zu legalisieren. Wie konnte ein solches Problem zu den Kernthemen politischer Debatten aufsteigen?
Rumäniens Streuner: Ein dicker Hund!
(Foto: (cc)SteveMcN/flickr)
KEIN
Übersetzung: Anja Pfau
31/08/11
Tags : Tiere, Demonstration, Euthanasie, Menschenrechte, Rumänien.
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Die Seiten für Vermischtes erweisen sich in Zeitungen oft als ein guter Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. In Rumänien sind beispielsweise die Fälle grausamer Hundebisse aktuell und alltäglich. Es handelt sich dabei um ungefähr 40.000 Hunde, welche auf den Bürgersteigen der Hauptstadt lungern. Der berühmteste Vorfall war der um Georgeta Stoicescu. Diese 71-jährige Rentnerin aus Bukarest wurde im Oktober 2000 heftig von einer siebenköpfigen Hundemeute angegriffen. Infolge dieses Zwischenfalls verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand, sodass sie sieben Jahre später starb. Ihr Fall kam in Straßburg vor den EuGH als oberste juristische Instanz, der dann eingeschaltet werden kann, wenn alle übrigen Rechtsmittel ausgeschöpft sind und Fälle als quasi hoffnungslos gelten.
Die streunenden Hunde sind aus dem Stadtbild in Bukarest nicht wegzudenken | Viele Anwohner füttern oder adoptieren manche der Tiere.
Am 26. Juli gab der EuGH sein endgültiges Urteil bekannt, indem er die rumänische Regierung zu einer Schadensersatzzahlung von 9.000 Euro an die Familie Stoicescu verurteilte. Straßburg musste feststellen, dass „die Regierung keinerlei Angaben zu konkret zu ergreifenden Maßnahmen lieferte (…), um sich diesem öffentlichen Gesundheitsproblem und der Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit der Bevölkerung zu stellen.“ Im Jahr 2010 wurden 13.200 der 2 Millionen Bukarester Opfer von Hundebissattacken.
Erbe des Kommunismus?
Ein Hund, der sich ein bisschen verirrt hat…Auf der Skala des Landes sind diese paar tausend Euro Geldstrafe lächerlich. Dennoch stellt diese Entscheidung eine Etappe dar. Die Trägheit der rumänischen Behörden ist damit nun öffentlich bestätigt und wurde obendrein bestraft. Dieses Problem ist nichtsdestotrotz alt, denn es stammt noch aus der Ära Ceaușescus. Gemäß des Immobilienprogramms des sich selbst öffentlich ernannten „Genies der Karpaten“, wurde 1/5 der Stadt dem Erdboden gleichgemacht, um ungeheuer viele Sozialwohnungen darauf zu bauen, was einen perversen Effekt hinterließ: Hundehaltung wurde in den Wohnungen untersagt und so mussten sich Hundebesitzer von ihren vierbeinigen Gefährten trennen.
In der Hoffnung, dieses Kapitel nun abzuschließen, wurde im Mai ein Gesetzestext durch das Parlament verabschiedet. Die neue Verfahrensweise sieht vor, dass erwachsene Hunde, die in Unterschlupfen hausen aber binnen 30 Tagen von niemandem “anerkannt oder adoptiert” werden, entweder getötet oder betreut werden müssen. Der Präfekt von Bukarest, Mihai Cristian Atanasoaei, versicherte der AFP, dass dieser Text demokratisch sei, denn die Entscheidung, Hunde zu töten oder nicht, obliege den Aufgaben der kommunalen Behörden.
Euthanasie – eine bereits angewandte Option
Diese Ansprache flirtet mit Phrasendrescherei, verweist aber vor allem darauf, dass die Euthanasie von Hunden eine schon praktizierte Lösung in Rumänien darstellt. Kurz bevor Traian Basescu an die Spitze des rumänischen Staates gewählt wurde, bekleidete er das Amt des Bürgermeisters von Bukarest. Sein Glaubensbekenntnis von 2001 enthält ein Schockargument für die Wähler: Er verspricht, die massive Reproduktion der Maidanezi-Hunde unter Kontrolle zu bringen. Einmal gewählt, startet er also ein Fang-, Sterilisations- und schließlich ein Adoptionsprogramm dieser Hunde, besonders in Zusammenarbeit mit der Brigitte Bardot Stiftung. Schnell distanzieren sich die Vereine von diesem Projekt und die Bukarester, die die Vierbeiner bereitwillig zusammensuchten und aufnahmen, mussten sie schließlich wieder freilassen. Die Hunde sind nicht an das Leben als Haustiere gewöhnt.
Eine gespaltene Gesellschaft von Hundebefürwortern und Hundegegnern
Über die Sterbehilfe wurde schließlich auf nationaler Ebene abgestimmt, was sich als Fehler herausstellte. Während Anfang des Jahres 2000 noch 200.000 herumstreunende Hunde registriert wurden, sollten es im Jahr 2007 zum Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union nur noch 50.000 sein. Das Verfahren wurde jedoch von Brüssel aus Gründen der nicht vorhandenen Konformität zur Regelung der supranationalen Organisation gestoppt. Zurück zum Ausgangspunkt: Der Staat gibt jährlich 1,3 Millionen Euro zur Lösung der Folgen aus und ein ganzer Krankenhausdienst soll ausschließlich Hundebissopfer versorgen. Die Menschen dieser Stadt sind trotzdem entweder Hundebefürworter oder Hundegegner. Mirel Bran, Le Monde-Korrespondent in Bukarest, weitet diese Spaltung auf die wirtschaftliche Situation des Landes aus: „Das Gefühl des Verlassenseins durch einen korrupten Staat, das von der Mehrheit der rumänischen Bevölkerung seit dem Sturz der kommunistischen Diktatur vor 21 Jahren wahrgenommen wird, bringt die Menschen dazu, sich mit diesen herumstreunenden Hunden zu identifizieren, die selbst auch Opfer der Diktatur und des Übergangs sind, den Rumänien in den 1990er Jahren erlebte.“
Fotos: Homepage (cc)SteveMcN/flickr ; Im text (cc)1uk3/flickr; Video (cc)afpfr/YouTube
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