Als die EU-Innenminister am 8. November 2010 die Visafreiheit für Albaner und Bosnier bekannt gaben, wurde diese Nachricht in der albanischen Hauptstadt Tirana mit Hupkonzerten auf den Straßen gefeiert. Als der bekannte albanische Journalist Gazmend Kapllani 1991 zu Fuß über die Berge aus dem isolierten Albanien ins gelobte Land Griechenland floh, war an solch eine Entscheidung nicht im Traum zu denken. Damals wurden die zu Zehntausenden ins Land strömenden Albaner in Notunterkünften zusammengetrieben. In Griechenland schlug er sich neben seinem Studium an der Universität Athen als Bauarbeiter, Koch und Kiosk-Verkäufer durch, ehe er zu einem der erfolgreichsten albanischen Schriftsteller und Journalisten in Griechenland aufstieg. Derzeit arbeitet er für die größte griechische Wochenzeitung Ta Nea und bloggt als Menschenrechtsaktivist. In seinem gerade erscheinenden Buch Ich heiße Europa reflektiert Gazmend Kapllani nun über Albanien im Jahr 2041 als ein Land märchenhaften Reichtums, das nicht nur Mitglied der EU sondern auch zu einem bevorzugten Ziel für Migranten aus Afrika geworden ist. Ein aktuelles Interview mit einer ungewöhnlichen Sicht des kleinen Nachbarn auf das krisengeschüttelte Griechenland.

Ihr neuestes Werk Ich heiße Europa steht kurz vor seiner Premiere. Was bringt dieses neue Buch im Vergleich zu Ihren vorherigen Publikationen an Neuem?

Gazmend Kapllanis zweites HandbuchGazmend Kapllanis zweites Handbuch | “Ich heiße Europa”Mein neues Buch ist in gewisser Weise eine Fortsetzung meines ersten Short Border Handbook. In aller Kürze geht es um den Helden des vorherigen Buches, der im Jahr 2041 nach Albanien zurückkehrt, einen Ort der vollkommen anders ist als zu Beginn der 1990er Jahre. Albanien ist ein ziemlich reiches Land, Mitglied in der Europäischen Union, gekennzeichnet durch einen illegalen Bau-Boom, Luxuskarossen, Umweltverschmutzung und eine neureiche und rassistische Schickeria. Albanien ist zu einem Traumland für Emigranten aus Asien und Afrika geworden. Parallel dazu gibt es einen Erzählstrang, der 21 Mal diese Geschichte durchbricht und wahre Geschichten von Emigranten erzählt. Von Albanern die nach Griechenland auswandern und von Griechen, die ihr Glück in der weiten Welt suchen.

Womit verbinden Sie persönlich Europa, als ein Mensch, der die Existenz physischer Grenzen auf schmerzvolle Weise erlebt hat?

Ich denke ich gehöre zu der Generation von Albanern, die sich eine Grenzüberschreitung als einen magischen Akt vorstellten. In einem so kleinen Land wie Albanien ist die Konfrontierung mit hermetischen Grenzen eine tiefgreifende Erfahrung von der man sich nicht wieder erholt. Diese Grenzen existieren auch in uns und wahrscheinlich braucht es Generationen, um sie wieder zu überwinden. Deshalb spreche ich auch vom „Grenzsyndrom“.

Wie sehen Sie die aktuelle Krise in Griechenland? Wen machen Sie für die jetzige Situation verantwortlich und auf wem lastet ihrer Meinung nach die Krise am meisten?

Wie immer werden Krisen von den Schwachen bezahlt und das ist auch das Problem jetzt in Griechenland: Die Krise wird nicht von ihren Verursachern bezahlt, sondern von denen, die am meisten von ihr betroffen sind. Das kann schnell zur vollständigen Diskreditierung der gesamten politischen Elite und ihrer Institutionen und somit auf einen sehr gefährlichen Weg führen. Die Jugend ist mit einem „gefälschten Wohlstand“ aufgewachsen und sieht jetzt für sich keine Zukunftsperspektive. Es gibt aber auch eine europäische Dimension: Die Abschottungstendenzen und der Hang zum provinziellen eigenstaatlichen Egoismus in Krisenzeiten zeigt auf erschreckende Weise wie desintegriert und wenig vorbereitet auf globale Herausforderungen Europa noch ist.

Dieses Jahr haben wir vielfältige und teilweise auch gewalttätige Proteste in Griechenland beobachtet. Was ist ihrer Meinung nach - als Albaner und kritischer Beobachter - der gesellschaftliche Hintergrund solcher Demonstrationen?

In Griechenland ist der Widerstandsmythos seit dem Zweiten Weltkrieg stark verbreitet. Das traditionelle Misstrauen gegenüber Polizei und Staat spielt aber auch eine wichtige Rolle. Oft ähneln die Proteste einem Kampf gegen Windmühlen. Nicht zufällig sind die Hauptakteure der gewalttätigen Proteste nicht „die Armen“ gewesen, sondern junge Leute, die die Oberschule besucht, Europa bereist und Filme wie V for Vendetta gesehen haben. Ich denke, dass sich die griechische Gesellschaft im Moment am Scheideweg befindet. Die Gesellschaft befindet sich vor einem Spiegel und muss sich entscheiden, ob sie ewig unmündig bleiben will oder ob sie politisch und institutionell reift…

Am 8. November wurde endgültig die Liberalisierung der Visa-Regelungen für albanische Staatsbürger beschlossen. Griechen aber auch albanische Emigrantengruppen sehen einen Zustrom voraus, der den griechischen Arbeitsmarkt stark belasten wird. Wie stehen Sie dazu?

Die Liberalisierung der Visa selbst ist meiner Meinung nach ein historischer Meilenstein für Albanien. Er bringt das Land nicht nur aus seiner 50-jährigen Isolation mit Europa heraus, sondern beendet auch einen Zustand, den viele Albaner als einen Ghettoisierung am Rande der EU sehen. Ich höre die Stimmen, die jetzt davon sprechen, dass es zu einem massiven Exodus von Albanern in Richtung der reichen EU-Länder kommen wird. Daran glaube ich nicht. Die Albaner des Jahres 2010 sind nicht mehr die Albaner des Jahres 1990. 

Infobox:

Visafreiheit für Albanien und Bosnien


Albanische und bosnische Bürger dürfen zukünftig ohne Visa und für eine Aufenthaltsdauer von 90 Tagen mit biometrischem Pass in 25 EU-Länder (nicht nach Großbritannien und Irland) und die Schengen-Länder Norwegen, Schweiz und Island einreisen. Sollten die Asyl-Anträge exponentiell in die Höhe schnellen, warnten die EU-Innenminister, könne die ab Dezember gültige Regelung bald wieder aufgehoben werden.

Fotos: Sonnenuntergang (cc)Jacek.NL/flickr; Buchdeckel mit freundlicher Genehmigung ©Gazmend Kapllani