Ist das Chatroulette nun Werkzeug der Perversion oder Katalysator eines weltweiten kulturellen Austauschs? Die Meinungen darüber klaffen weit auseinander. Ursprünglich ist diese neue Form des Instant-Chattens, bei der man per Webcam Bilder von Internetnutzern auf der ganzen Welt in seinen vier Wänden empfängt, die Erfindung des Moskauer Students Andrei Ternovskiy. Der 17-Jährige wurde offenbar von der unvorhergesehenen Tragweite seiner Erfindung überrollt, die nun bedingungslose Anhänger und Chaoten aller Art zum Russisch-Roulette im World Wide Web einlädt.

Chatroulette: Universelles Anschlagbrett

Ob Hobby-Gitarristen, Exhibitionisten, Nerds, Perverse, Neugierige oder SchaulustigeOb Hobby-Gitarristen, Exhibitionisten, Nerds, Perverse, Neugierige oder Schaulustige | Beim Chatroulette sind alle willkommen!Grundsätzlich ist nichts verboten im Chatroulette. Es gibt keine Limits. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, während der politisch nicht immer ganz korrekte Satire-Poet Juvenal mit seinen Lebensweisheiten quasi als Herr und Gebieter über das Ganze herrscht. Auf der 2009 lancierten Internetseite, die im Februar 2010 sage und schreibe 500.000 Besucher täglich zum Chatten animierte, ist die einzige Waffe gegen unangenehme Bilder das Betätigen der Taste „Report“ („Verschieben“), welche Betreffende für 10 Minuten vom eigenen Bildschirm verbannt. Der Verbanner hat nach dem Betätigen der Report-Taste eine Chance von 1 zu 100, dem Verbannten erneut auf seinem Bildschirm zu begegnen. Diese virtuelle Bestrafung ist aber in jedem Fall ohne Risiko und geschieht mehr oder weniger unmittelbar.

Aber überspringen wir diesen polizeilichen Aspekt, um uns für den eigentlichen Habitus dieser exhibitionistisch veranlagten Menschengruppe zu interessieren. Es ist eigenartig, in der Stichprobe einer globalen Population zu beobachten, wie ihr ein erstes Lächeln, ein erstes Anzeichen von Sympathie oder Aggression entlockt wird, während sie beginnt, sich durch die virtuelle Welt zu klicken.

Eine Minute, um sich zu präsentieren

Der Mensch ist, wie er ist: Mit all seiner Schönheit, seinen Leidenschaften und seinen Lastern. Aristoteles lehrte uns, dass es für die Deutung einer Art (Definition) - den Menschen zum Beispiel - einer Gattung (Lebewesen) und einer so genannten Differenz (Vernunft) bedarf. Der griechische Philosoph wäre beim Streifzug durchs Chatroulette dementsprechend erfreut gewesen. Denn hier hat jeder User einige Sekunden, um zu zeigen, wer er wirklich ist oder wer er gern sein würde. Natürlich lauert ständig die Gefahr der „Report“-Taste, die ihn vom Monitor verbannen könnte.

Jeder präsentiert sich auf seine Art: Die Schöne, stark geschminkt, möchte den Internetbesucher ihren Charme schnuppern lassen, der Straftäter widmet sich an diesem öffentlichen Ort schamlos seinen Lastern und der Gebildete und der Künstler sind auf der Suche nach Schülern oder Meistern, um ihr Wissen vermitteln oder ihre eigenen Horizonte erweitern zu können.

Nerd having fun

Chatroulette kennt keine Altersgrenze Chatroulette kennt keine Altersgrenze | Somit können auch zahlreiche Minderjährige die Anatomie der Geschlechter erkunden. Doch beim Streifzug durch das interaktive Russisch-Roulette fragt man sich, wie Aristoteles wohl auf das Schaufenster voller Laster reagiert hätte. Zugegebenermaßen ist der Hang zur Verherrlichung des Gemächts, pardon, des Gesichts auf Chatroulette überdeutlich. Brüste und Geschlechtsteile tauchen mindestens genauso oft auf wie Gesichter. Viele Nutzer bezeichnen Chatroulette auch als den Nachkommen von Omegle, ein hauptsächlich von Nerds besuchter anonymer Chat, der Ansporn zu allem Möglichen, nur nicht zu gutem Benehmen gibt.

Doch das Konzept Chatroulette funktioniert - und wie! Vielleicht hat der ein oder andere fanatische Internetfan, der für gewöhnlich immer die neuesten Plattformen der virtuellen Sozialisation ausprobiert, an Einfluss gewonnen. Auf jeden Fall spricht der Erfolg der Plattform, der die verschiedenen Geschmäcker hier und heute vereint, für sich: „Chatroulette sprengt alle Grenzen auf dem Gebiet der bescheuert numerisch-individuellen Haltungen“, schreibt ein Journalist der Webseite abstrait-concret!

Miteinander teilen, ja, aber was?

Glücklicherweise sind Schönheit und Leidenschaft auch im anonymen Chatroulette allgegenwärtig. Die Schönheit offenbarte sich mir durch die sichtbare Anmut einer Community, die sich über Monitor mit einem verführerischen Lächeln präsentiert. Die Leidenschaft entdeckte ich im Elan, den viele Chatroulette-User beim Teilen ihrer künstlerischen Fähigkeiten an den Tag legten; so lässt der junge Gitarrist seinen Fingern auf den Saiten seines Instrumentes freien Lauf, während der Maler mit großem Stolz sein Werk vorstellt. All diese Dinge sind wahrnehmbar, ohne dass der Sprachfaktor ins Spiel kommt. Es handelt sich hier in den meisten Fällen lediglich um eine virtuell-zwischenmenschliche Beziehung, ein selbstloses „Miteinander-Teilen“. Es bleibt jedoch fraglich, welchen Platz dieses „Miteinander-Teilen“ und die (scheinbar fehlende) Kommunikation einnehmen und ob diese Elemente nicht Opfer der dominant präsentierten Laster und des vorherrschenden Voyeurismus sind.

Fotos: ©birdsigh/flickr; Chatroulette: ©Daniel Semper/flickr; ©