Auf einer berühmten Terrasse in der Nähe von Madrids Palacio Real spricht die 34-jährige preisgekrönte, spanische Journalistin bei Einbruch der Nacht über zwei ihrer Leidenschaften: Nahost und Journalismus.
Olga Rodríguez zum Nahost-Konflikt: “Die EU sollte sich nicht immer den Entscheidungen der USA anschließen”
Olga Rodríguez in Bagdad nach der Invasion der US-amerikanischen Streitkräfte im März 2003/ ©Joseacavero/ Wikimedia
INTERVIEW
Übersetzung: Hildegard Schneider
25/11/09
Tags : Krieg, Irakkrieg, Mittlerer und Naher Osten, nahost, Spanien, Irak, Israel, Olga Rodríguez, Bagdad, Palästina, Journalismus, Europäische Medien.
0votes plus 0 votes moins
Ein rebellischer Israeli, ein ägyptischer Textilarbeiter, der sich sehr in Gewerkschaftsaktivitäten engagiert und in Blogs die Regierung Mubaraks kritisiert, eine frühere irakische Gefangene in Abu Ghraib oder eine junge Syrierin und aufstrebende Schauspielerin: All diese Frauen und Männer, die in einer Krisenregion ums Überleben kämpfen, sind die Protagonisten in Olga Rodríguez’ aktuellem Roman El hombre mojado no teme a la lluvia (‘Der nasse Mann hat keine Angst vor dem Regen’). “Ich wollte über Leute schreiben, von denen man selten in Zeitungen liest, über diejenigen, die am meisten unter den Folgen der politischen und militärischen Krisenanfälligkeit leiden”, erklärt die Autorin und Nahost-Spezialistin auf einer Terrasse mitten in Madrid.
In den meisten Situationen beschränken wir uns darauf, die Kosten für den Wiederaufbau der durch die Israelis zerstörten Infrastruktur zu tragen.
Rodríguez befand sich 2003 zum ersten Mal während der Invasion des Iraks als Reporterin auf dem Terrain. Rodríguez hat die Hauptpersonen ihres Buches nicht einfach nur während ihrer Geschäftsreisen getroffen; sie hat sich auch bemüht, sie so gut wie möglich kennen zu lernen und mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Als Journalistin hat sie vor Ort miterlebt, wie die Probleme der Region in den letzten Jahren immer gravierender geworden sind. Aber kann Europa etwas dagegen tun? Rodríguez ist überzeugt davon, dass Europa sein Potential noch nicht vollständig ausgeschöpft hat. “Der EU fehlt es in Bezug auf die Situation in Palästina beispielsweise an einer eigenständigen Stimme. In den meisten Situationen beschränken wir uns darauf, die Kosten für den Wiederaufbau der durch die Israelis zerstörten Infrastruktur zu tragen. Ich denke, die Europäische Union könnte sich selbst als einen viel wichtigeren Mitspieler im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in den Vordergrund rücken anstatt sich immer nur den Entscheidungen der USA anzuschließen.”
©Joseacavero/ Wikimedia
Journalismus: viele Medien, schlechte Qualität
Das Interview dauert eine ganze Weile, es ist fast Mitternacht. Rodríguez beachtet die Zeit nicht, sie nimmt sich Zeit, wenn sie ihre Ansichten erklärt. Wenn es etwas gibt, das diese spanische Journalistin so sehr begeistert wie über den Nahost-Konflikt zu sprechen, dann ist es ihr Beruf. Rodríguez vertritt dieselbe Meinung wie viele ihrer Kollegen in Bezug auf die heikle Situation um qualitativ hochwertige Nachrichten. Ihrer Meinung nach ist die wirkliche Krise in den Medien eine Identitätskrise. Und die Identität wurde in den letzten Jahren auf die Probe gestellt.
“Die großen europäischen Nachrichtenkonzerne - und dies ist ein weltweites Problem - scheinen nicht in Korrespondenten und Reporter investieren zu wollen. Sie ziehen es vor, Informationen zu verwenden, die von den großen Nachrichtenagenturen geschickt wurden. Das ist billiger. Das Problem ist, dass diese Agenturen dieselben sterilen Nachrichten normalerweise an alle Medien schicken. Das ist schade, denn es gibt viele gut informierte Journalisten, die als solche auch arbeiten möchten und deren Job sich mittlerweile auf das Copy-Pasten beschränkt. Das nicht nur zum Problem bei internationalen Themen geworden, sondern betrifft nun auch die nationalen und lokalen Nachrichten.” Rodríguez ist überzeugt davon, dass Leser qualitativ hochwertige Nachrichten über die Probleme einer immer globalisierteren, miteinander vernetzten Welt schätzen würden. Viele Journalisten seien aufgrund dieser Entwicklungen frustriert und gründen eigene Projekte, gibt sie gen Ende noch mit auf den Weg. “Journalisten neigen dazu, sehr individualistisch zu sein. Die Tatsache, dass viele von ihnen sich entschieden haben, ihre Ressourcen zusammenzulegen, um zu versuchen, die aktuelle Situation zu verbessern, ist eine sehr vielversprechende Entwicklung.”
- Mehr zum Thema lesen
Voter pour cet article 0votes plus 0 votes moins
Anzeige
Tags
Zoom
-
PANORAMA
Europas Gehirnwäsche
-
Kommentar
Weltfrauentag 2010: Testosteron und Klatschtanten
-
HINTERGRUNDBERICHT
Fräulein ade: Mrs, Miss oder Ms?
-
PRESSESCHAU
Referendum: 93% der Isländer gegen Rückzahlung
-
INTERVIEW
Emmanuelle Cosse: “Frauen haben es schwerer”
-
PRESSESCHAU
Wilders’ Erfolg verstört Europa
-
PANORAMA
Europas Nominierungen für die Oscars 2010
-
KRITIK
Neuer EU-Kurs: Genkartoffel Amflora abgesegnet
Beruf Sohnemann? Der gerade mal 23-jährige Jurastudent Jean Sarkozy soll für ein Pariser Spitzenamt nominiert werden, bei dem Milliardengeschäfte gemacht werden. Ist das ok?
Meinungen & Debatten zum gleichen Thema
- Cafebabel.com an der Columbia University New York in coffeefactory
- Nimmt die EU die zukünftige Mitgliedschaft der Türkei wirklich ernst? Forum_Thema
- Cafebabel.com sucht einen Web-Animateur für seine Community in coffeefactory
- EU debate on the ground in Köln in rhein-ruhr
- Von Straßburg nach Lissabon: Was ist mit der europäischen öffentlichen Meinung geschehen? in coffeefactory
- Ab 2008 heißt es: Ade Schreibmaschine! in eurogeneration

Reihenfolge der Kommentare umkehren Kommentare erneut laden Mitdiskutieren
Deinen Senf dazugeben? Sag es hier!
Schon Babelianer? Log-in. Oder sign-up!