Persönliche Profilseiten, Gruppen und Events zu den angehenden Europawahlen schießen auf Facebook wie Pilze aus dem Boden. Entsteht auf der Internetplattform, auf der sich virtuell 41,7 Millionen europäische Nutzer treffen, ein Ort des transeuropäischen Meinungsaustauschs?
EU-Politiker fischen nach Freunden auf Facebook
Europa gemäß Facebook
HINTERGRUNDBERICHT
Übersetzung: Claudia Stolte
07/04/09
Tags : Web 2.0, Europawahlen 2009, Facebook, EUdebate2009, Internet.
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Im kommenden Juni finden die Europawahlen statt. Ihre Kandidaten haben nun Facebook, die soziale Netzwerkseite, für sich entdeckt, wo sie eine Seite eigens für Politiker eröffnen können. Hier haben sie im Gegensatz zu Nutzer XY anstelle von Freunden „Supporter“ und können sich einfach und effizient einem breiten Publikum präsentieren, zum Beispiel durch Kurzbiographien und tägliche Presseartikel, die über relevante politische Aktivitäten berichten. Je nach Kandidat variiert der Erfolg der Operation Facebook allerdings beträchtlich. So zählt Daniel Cohn-Bendit, Kandidat der Europäischen Grünen, 750 Anhänger, während sein beliebter Kollege Cem Özdemir bereits bei 2059 angelangt ist.
Tatsächlich kann auf Facebook jeder Nutzer eine beliebige Identität annehmen. | ©facebook.comIndessen hat der aktuelle Kommissionspräsident, José Manuel Durão Barroso, bis jetzt nur wenig mehr als hundert Unterstützer. Sein Sprecher, Alain Bloedt, erklärt auf Anfrage, dass dessen Facebook-Seite „weder auf Initiative des Präsidenten noch auf die der Kommission zurückgeht.“ Tatsächlich kann auf Facebook jeder Nutzer eine beliebige Identität annehmen, und so steht hinter Barrosos Netzwerkseite in Wirklichkeit der 26-jährige norwegische Politikstudent Frank Jørgensen Wold. Der Gründer der sehr gut informierten und täglich aktualisierten Seite erklärt: „Das Ganze kostet mich nicht mehr als 45 Minuten pro Woche. Eine ‘Fanpage’ ist wirklich sehr einfach einzurichten und auf den neuesten Stand zu bringen, viel mehr Leute sollten so etwas tun.“ Das Profil des Kommissionspräsidenten wurde inzwischen jedoch mit der Begründung gelöscht, dass „Identitätsdiebstahl“ vorliege.
Demokratische Debatte?
Die Kandidaten sind nicht die einzigen, die sich Facebook als neues Diskussionsforum erschlossen haben. 6.000 Mitglieder aus ganz Europa haben sich bereits der Gruppe ‘Voter Registration Campaign for European Elections 2009’ angeschlossen, die europäische Bürger dazu auffordert, sich in die Wählerlisten einzutragen. Die Webseite der Gruppe appelliert an zukünftige Volontäre, sich an der Koordinierung der Kampagne in allen 27 Mitgliedstaaten zu beteiligen und liefert regelmäßig Informationen über die europäische Gemeinschaft. Facebook ist nicht nur Kommunikations-, sondern auch und vor allem Informationsmedium.
Der französische Blogger Luc Mandret ist Gründer einer 2000-köpfigen Gruppe zu diesem Thema und begründet seine Motivation so: „Ich habe diese Gruppe mit dem Ziel gegründet, bereits mehrere Monate vor den Europawahlen auf die Thematik aufmerksam zu machen, weil sie immer noch eine der Wahlen ist, die an den Wählern spurlos vorübergeht. Ich hoffe und ich wünsche mir, dass die Gruppe öffentliche Diskussionen erregt, dass die Internetnutzer sich informieren können. Wenn sie sich ein besseres Bild von Europa machen können, ist das vielleicht Grund genug, ihre Stimme abzugeben.“
Extra für die Europawahlen wurde auf Facebook ein „Event“ ins Leben gerufen, eine Einladung an fast 10.000 Personen, die über Daten, Orte und Uhrzeiten der Wahlen informiert. Auf der Ereignis-Seite, auf der Teilnehmer auch miteinander kommunizieren können, beklagt bereits ein Kroate, noch nicht selbst zur Europäischen Union zu gehören, und „hofft, bald selbst wählen zu können“.
Facebook mausert sich zu einer Plattform, auf der sich die Bürger aller Mitgliedsstaaten gemeinsam über Europa austauschen können. Frank Jørgensen Wold sieht unterdessen noch Steigerungspotenzial: „Facebook als Ort des Meinungsaustauschs kann noch verbessert werden.“ Tatsächlich können Facebook-Anwender bis jetzt nur Kommentare in chronologischer Reihenfolge veröffentlichen, während im Vergleich dazu auf speziellen Forenseiten ein Moderator die Debatten ins Rollen bringt und reguliert. Frank bedauert dieses Manko: „Wenn Facebook weiterhin mehr und mehr Nutzer anzieht und Informationen kontrolliert statt offenen Austausch zu gewährleisten, kann dies aus demokratischer Sicht problematisch werden.“
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