Auf den ersten Blick scheinen die meisten Titel der Manga-Reihe recht logisch ausgewählt; Da ist William Shakespeares König Lear (1603 - 1606) oder auch Leo Tolstois Krieg und Frieden (1865 - 1869), die sich hervorragend für eine Comicumsetzung eignen. Allerdings bleibt man hängen, wenn man bedenkt, dass Søren Kierkegaard, der dänische Meister des Existenzialismus, mit Die Krankheit zum Tode (1849) ebenfalls in der Serie vertreten ist. Ebenfalls unerwartet ist vielleicht auch Das Kapital von Karl Marx aus dem Jahre 1867.

Zwischen Dante und Kafka taucht der Führer auf

Die 190 Seiten des Marxschen Kapital sind tatsächlich fesselnd, sodass sie sich im Austausch mit diesem bekannten Klassiker der Ökonomie wenn schon nicht einfach, so doch interessant lesen lassen. Kosuke Maruo, der Leiter der Serie, stellt sicher, dass jeder Text sorgfältig studiert wird, um das ursprüngliche Wesen jedes Buches einschließlich der interessanten erzählerischen Auswahlmöglichkeiten bestmöglich umzusetzen.

Es handelt sich um mehr als den rein didaktischen Versuch, die Leser zur Entdeckung des Originaltextes zu bewegen. Auch Hitlers Autobiografie Mein Kampf aus dem Jahre 1926 ist Bestandteil der Titel des Kataloges. “Es ist ganz und gar nicht unsere Absicht, Nazi-Ideologie zu verbreiten”, erklärt Kosuke Maruo, “aber ich glaube, es ist wichtig, die Beweggründe für Hitlers Denkweise zu verstehen.” Für den japanischen Verleger stellt das kontroverse Werk des deutschen Diktators nur ein Angebot unter vielen dar, das zum besseren Verständnis der europäischen Geschichte in Japan beitragen soll. “Ich persönlich würde dieses Werk nie veröffentlichen”, bemerkt Marco Marcello Lupoi, der Verlags- und Lizenzvergabeleiter von Panini Comics, einer der bedeutendsten Comic-Verleger Europas. “Ich bin entschieden dafür, dass Bücher, die soviel Übel bewirkt haben, in Vergessenheit geraten.”

Manga an Schulen

“Takiji Kobayashis Das Fabrikschiff, 1929 vom Marxschen Schriftsteller geschrieben, ist der meistverkaufte Titel, gefolgt von Fjodor Dostojewskis Die Brüder Karamasow, dem letzten Roman des russischen Schriftstellers aus dem Jahre 1880”, erklärt Maruo, “obwohl wir dachten, dass Marx sich gut verkaufen und vielleicht sogar vor Kobayashi liegen würde.” East Press ist mit den Verkaufszahlen und den öffentlichen Reaktionen zufrieden. “Einige der Titel dieser Serie werden sogar als Lehrmaterial in Schulen verwendet”, merkt Maruo an.

Marx als Manga | Slideshow von Marco Riciputi

In Spanien oder Frankreich gibt es viel mehr begeisterte Comic-Fans als in Italien!

“Bibliotheken fangen langsam an, sich dieser Art des Bildungsprodukts im Manga-Format zu öffnen. Eine ähnliche Initiative gibt es bereits in Italien”, sagt Lupoi. “Ich bin jedoch nicht sicher, welchen Stellenwert es wohl im Jahre 2009 haben wird.” Vor Jahren hatte der italienische Comic-Künstler Renato Polese beispielsweise versucht, Werke des französischen Autors Jules Verne und seines amerikanischen Kollegen Hermann Melville ins Comic-Format zu übertragen. “Heute wäre ich nicht überrascht, etwas Ähnliches in Spanien oder Frankreich zu finden, da beide Länder viel mehr begeisterte Comic-Fans haben als wir”, folgert Lupoi.

Von den bereits genannten Autoren abgesehen, werden auch die Werke anderer Europäer wie Goethe, Machiavelli, Nietzsche, Stendhal, Saint-Exupéry und Hugo im Rahmen der Serie angeboten. Denjenigen, die mehr über japanische Klassiker erfahren möchten, rät Kosuke Maruo zu Osamu Dazais Gezeichnet und zu Natsume Sosekis Kokoro aus dem Jahr 1914. “Beide sind sehr beliebt und befinden sich in Harmonie mit den profunden charakteristischen Merkmalen der japanischen Kultur.”