In einigen Monaten feiert Prag den 40. Jahrestag des berühmten Prager Frühlings, der die Stadt im letzten Jahrhundert entscheidend prägte. Ein spontaner Ausdruck des Rage, der die Welt wachrüttelte, bevor er vom sowjetischen Regime niedergeschlagen wurde. Bilder eines zweiten Frühlings.
Nachwehen des Prager Frühlings
©B.S.
HINTERGRUNDBERICHT
Übersetzung: Stella Willborn
21/08/08
Tags : Prag, Foto, Fotogalerie, Mittel- und Osteuropa, Fotografie, Kommunismus, Gewalt, Sowjet, Tschechische Republik, Peter Uhl, Aktivismus, Jugend, Vaclav Havel.
0votes plus 0 votes moins
Prag, 03/2008
Prag, 03/2008 (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Im Viertel Vršovice (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Wenzelsplatz: ein Augenzwinkern an den französischen Fotografen tschechischer Herkunft Josef Koudelka an der selben Stelle, an der er 40 Jahre zuvor ein Foto seines Handgelenks gemacht hatte. Die Uhr zeigte damals 12 Uhr mittags. Nach dem Einfall der sowjetischen Panzer war der Wenzelsplatz menschenleer (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Gedenkplatte, die an Jan Palach und Jan Zajíc erinnert, zwei Studenten, die sich zum Protest gegen das Normalisierungsregime der UdSSR selbst verbrannt hatten (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Prager Kleinseite: Das Denkmal für die Opfer des Kommunismus des tschechischen Bildhauers Olbram Zoubek und der Architekten Jan Kerel und Zdenek Hoelzel wurde am 22. Mai 2002 eingeweiht (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Jana Neupauerova, eine junge Slowakin, arbeitet für die von Václav Havel gegründete Stiftung Forum 2000. “Für mich bedeutet das Ende des Kommunismus eine allgemeine Öffnung zur Welt. Aber wenn wir in einem Bereich arbeiten wollen, der uns wirklich interessiert, müssen wir die Slowakei in Richtung Prag verlassen.” (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Alte Fabrikessen in einem Prager Wohnviertel (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Petr Fleischmann, Berater in außenpolitischen Angelegenheiten der Tschechischen Republik, übersetzt mir einen seiner Artikel. “Am meisten beeindrucken mich die sichtbaren Veränderungen in der Stadt, die Reisefreiheit und der Ideenaustausch, die das Ende des Kommunismus mit sich gebracht hat.” (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Kinder spielen auf der Straße (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Prager Frühlingserwachen (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Michal und Petr in Vršovice, wo auch Petr Fleischmann groß geworden ist (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Petr Uhl, Mitbegründer der Charta 77, einer Menschenrechtspetition, die sich gegen das Normalisierungsregime richtete, ist auch heute noch politisch engagiert. “Besonders am Herzen liegt mir der Friedensplatz in dem Viertel, in dem ich mein ganzes Leben verbracht habe.” Nach der Teilung des Landes hatte Uhl die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt - ein unvorhergesehener Fall für die Behörden. Er hat 5 Jahre dafür gekämpft, um heute “endlich” die tschechoslowakische Nationalität in Händen zu halten. (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Bushaltestelle (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Prager Straßenbahn (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008 (Foto: ©Boris Svartzman)
Prag, 03/2008
Prager Frühling (Foto: ©Boris Svartzman)
Nur einige Jahre, nachdem die kommunistische Partei in der Tschechischen Republik an die Macht gekommen war, glaubten deren Anführer zu begreifen, was die tschechische Gesellschaft benötigte. Die Namen der Dissidenten, Václav Havel oder Petr Uhl und einige führende Parteimitglieder, insbesondere Alexander Dubek, stehen für die späten sechziger Jahre und den Beginn einer neuen und freien Gesellschaft. Ein ‘Sozialismus mit menschlichem Antlitz’, der auf ungeahnte Resonanz bei der Bevölkerung stieß und im Kontrast zu dem System stand, welches die CSSR aufzwingen wollte, schien endlich greifbar.
Sozialismus mit menschlichem AntlitzDoch erinnert der Jahrestag des Prager Frühlings uns ebenfalls an den sowjetischen Unterdrückungsapparat, der sich auf die Unterzeichnerstaaten des Warschauer Paktes stützte und die Wiedereinführung jener Macht bedeutete, die alle Autonomie einfror und nicht zögerte, die folgenden Jahre als Periode der ‘Normalisierung’ zu bezeichnen. Doch statt an die Unterdrückung zu erinnern, müssten wir nicht vielmehr die lange Suche nach Freiheit feiern, die erst durch die sowjetische Intervention unterbrochen wurde?
Petr Fleischmann ist Berater in außenpolitischen Angelegenheiten der Tschechischen Republik. 1968 nahm er an den Demonstrationen in Paris teil: “Ich amüsierte mich mit meinen Freuden, doch sobald ich ein Radio in die Hände bekam, schaltete ich es an, um mitzuverfolgen, wie sich die Situation in Prag entwickelte. Denn was dort geschah war viel bedeutender als Mai 1968”, erinnert er sich.
Im Westen demonstrierte die Bevölkerung für ein Konzept von Freiheit, das sich deutlich vom dem des kommunistischen Blocks unterschied. Für Petr Fleischman ermöglichten die Prager Ereignisse “den Linken davon zu träumen, dass ein Staat möglich sei, der die Schwächen des Kapitalismus ausmerzt, ohne die Freiheit des Einzelnen einzuschränken.” Aber wir feiern den Jahrestag heute in einer Welt, die im Rhythmus des Wirtschaftsliberalismus pulsiert. Das bringt die Gefahr mit sich, die Bestrebungen, die ein System menschlicher machen aber keineswegs abschaffen wollten, zu vergessen.
Also hat sich mit dem Ende des Kommunismus die Freiheit durchgesetzt? Verzichtet ein Land, das mit seiner sozialistischen Vergangenheit abgeschlossen hat und keinerlei Aufarbeitung betreibt, letztendlich auf die vergangene Vision eines humanen Kommunismus? An dieser Stelle können wir der Auffassung Fleischmanns folgen, denn “wenn ein Regime gestürzt ist, bleiben die mentalen Strukturen, die unter diesem entstanden sind erhalten, auch wenn das Regime längst gewechselt hat”. Es scheint, als ob die vergessene Geschichte es stets schafft, sich von Generation über Generation in den Köpfen zu halten.
Danke an Vítek Nejedlo.
- Mehr zum Thema lesen
Voter pour cet article 0votes plus 0 votes moins
Anzeige
Unser Dossier Prag(matisch)er Frühling
Tags
Zoom
-
HINTERGRUNDBERICHT
Öl in Italien: Öko-Katastrophe in der Poebene
-
INTERVIEW
Der armenisch-türkische Autor Agop Hacikyan
-
PANORAMA
Europas Gehirnwäsche
-
Kommentar
Weltfrauentag 2010: Testosteron und Klatschtanten
-
HINTERGRUNDBERICHT
Fräulein ade: Mrs, Miss oder Ms?
-
PRESSESCHAU
Referendum: 93% der Isländer gegen Rückzahlung
-
INTERVIEW
Emmanuelle Cosse: “Frauen haben es schwerer”
-
PRESSESCHAU
Wilders’ Erfolg verstört Europa
Beruf Sohnemann? Der gerade mal 23-jährige Jurastudent Jean Sarkozy soll für ein Pariser Spitzenamt nominiert werden, bei dem Milliardengeschäfte gemacht werden. Ist das ok?
Meinungen & Debatten zum gleichen Thema
- Wahlpariser: “Good Bye Lenin!” und Diskussionsrunde zum Thema 20 Jahre Mauerfall in coffeefactory
- Google, was ist mit dem größten Käfer der Welt passiert? in eumiro
- Zug fährt ab: Europa bequem und günstig entdecken in wien
- Premium launch party in Prag in coffeefactory
- Schickt uns ein Foto: Mein Fernseher und ich! in coffeefactory
- Uiguren misstrauen Han misstrauen Uiguren in islamineuropa

Reihenfolge der Kommentare umkehren Kommentare erneut laden Mitdiskutieren
Deinen Senf dazugeben? Sag es hier!
Schon Babelianer? Log-in. Oder sign-up!