Litauen kennzeichent eine bewegte Vergangenheit. Im vergangenen Jahrhundert wurde Wilna, so der eingedeutschte, aber nur noch selten verwendete Name der litauischen Hauptstadt, von zwei verschiedenen Mächten beherrscht. Von 1920 bis zum zweiten Weltkrieg gehörte Vilnius zu Polen. Danach befand sich die Stadt für 40 Jahre unter sowjetischer Kontrolle. Moskau sollte nicht das letzte Wort haben.

Durch die Stadt fließt der Fluss Vilnia und gibt ihr im Vorbeiziehen ihren Namen: Vilnius, so wird sie von ihren Bewohnern genannt. Litauisch, die Landessprache, gehört neben dem Lettischen zu den ältesten Sprachen Europas. Sie ist - neben Russisch und Englisch - die Landessprache der dreieinhalb Millionen Einwohner des Staates. Aufgrund der hohen Abwanderungsquote – fünfmal höher als der europäische Durchschnitt - nimmt die Einwohnerzahl Litauens stetig ab.

Seit nunmehr fast vier Jahren gehört die baltische Republik zu den 27 EU-Mitgliedstaaten. Auch wenn sie innerhalb dieser Gruppe eher zu den Schlusslichtern gehört. Der Euro kann erst eingeführt werden, wenn Litauen seine Inflationsrate in den Griff bekommt.

Sowjetischer Kater an einem europäischen Sonntagmorgen

(Foto: Jorden Van der Ven)(Foto: Jorden Van der Ven)Die Tränen des kleinen, unauffälligen Landes ergießen sich in das baltische Meer: Hoffnungstränen für die Zukunft in Europa, Tränen des Schmerzes über den langen und verwirrenden Übergang. In dieser “post-sowjetischen Zeit”, wie die Litauer sie nennen, wird das “Russische” abgelehnt, gerade weil es weiterbesteht. Der russische Riese möchte die baltischen Republiken als Einflussgebiet nicht hergeben. Deshalb hat er, im Gegensatz zur EU - mit Ausnahme von Norwegen und Polen - in Vilnius auch eigene Korrespondenten. Auch in den litauischen Kommunikationsstrukturen scheint Vater Kreml nachwievor omnipräsent. Gespannt hatten die Litauer kürzlich die Wahlen in der Ukraine verfolgt: mit dem Wunsch, ihre Nachbarn möchten sich doch Stück für Stück von Russland lösen.

Zwei Kräfte prallen aufeinander: Tempel und Reklame (Foto: Marta Palacín)Zwei Kräfte prallen aufeinander: Tempel und Reklame (Foto: Marta Palacín)Trotzdem weiß Litauen genau: gerade wenn die sowjetische Präsenz nachlässt, ist Vorsicht geboten. Denn dann sind Gesetzgebung und Gesellschaft den Greifarmen des Kapitalismus ausgesetzt. Bereits beim ersten Anstoßen auf die Unabhängigkeit ertönten Klagen über den unangenehmen Beigeschmack der Heuschreckenmentalität, die besonders im Zentrum der provinziell anmutenden Hauptstadt spürbar wird. Die Straßen sind mit Werbeannoncen, Plakaten und Anzeigen für Laptops und andere Hightech-Geräte tapeziert. Das litauische Gesundheitssystem wird dagegen erst ab 2013 computergestützt sein. Auch in Bezug auf die Pressefreiheit bleibt ein fader Beigeschmack: die staatliche Kontrolle wurde durch Herausgeber und Blattmacher abgelöst, die litauische Unternehmen mit Negativ-Schlagzeilen erpressen.

Jedes Volk braucht seine Zeit, um sich zu finden und zu reifen. Bis dahin versucht sich Vilnius herauszuputzen, um 2009 als Kulturhauptstadt zu glänzen. Straßen werden bereits jetzt mit Fotos, Postern und Bildern geschmückt. Das Erscheinungsbild der engen Straßen und Gassen, mit seinen katholischen und orthodoxen Kirchen – auch einige Synagogen sind darunter - wandelt sich stetig: Vilnius ist ein gepflastertes Schachbrett, auf dem sich die zähen Folgen der sowjetischen Epoche und die zu Zeiten kapitalistische Mentalität der neuen Stadt gegenüber stehen.

Auch das litauische Bildungssystem hat zwei Seiten: die Professoren des alten Regimes und die Schüler, die in einem unabhängigen Staat geboren sind und auf eine so notwendige wie ungewisse Schulreform hoffen.

Was sie sind und was sie waren

(Foto: Jorden Van der Ven)(Foto: Jorden Van der Ven)Wofür steht Vilnius? Wofür steht Litauen? Zu gerne hätten die Litauer eine Antwort auf diese Fragen. Während Riga zur offiziellen Schwulenhauptstadt des Nordens auserkoren wurde und Tallinn zum touristischen Zentrum aufgestiegen ist, blieb Vilnius im Süden des Nordens arm und nachdenklich. In Die Bewohner von Vilnius können nicht sagen, welche gastronomischen Spezialitäten ihr Eigen sind und welche von den Besatzern stammen.

Jetzt’ bedeutet in Litauen tatsächlich ‘Jetzt’. Man lebt im ‘Hier und Heute’. Die Bürger haben unterschiedliche Ideen für die Zukunft, aber wollen nicht leichtfertig spekulieren: Es gibt keine wirklich ausgeprägte litauische Identität, aber auch vor Etiketten versucht man sich zu schützen. Deshalb akzeptieren die Litauer ihre Orientierungslosigkeit. Parallel zu dieser Identitätssuche läuft der Anpassungsprozess an die Standards der Europäischen Union weiter.

Ohne die Hilfe Lokalteams in Vilnius wären diese Artikel nicht zustande gekommen. Auf der Basis ihrer Vorarbeit, den Übersetzungen, der Kontextualisierung und Kritikfähigkeit, nähert sich dieses Dossier den wichtigsten aktuellen Herausforderungen des Landes.