Marmelade vor die Säue werfen
(Illustration: Henning Studte)
Am Anfang schuf Jesus eine Mode. Das Matthäus-Evangelium (Kapitel 7, Vers 6) überliefert uns den Satz: „Du sollt keine Perlen vor die Säue werfen“. Damit wollte Jesus sagen, dass man nichts Wertvolles an jemand verschwenden soll, der es nicht zu würdigen weiß. Der Ausdruck ist in viele Sprachen eingegangen, zum Beispiel ins Polnische (rzyca pery przed wieprze) und ins Englische (to cast pearls before swine).
Doch manche Völker sind fantasievoller. In Frankreich werden den Schweinen keine Perlen, sondern Marmelade aufgedrängt (donner de la confiture aux cochons). Die freieste Auslegung des Evangeliums findet sich bei den sonst rechtgläubigen Spaniern. Bei ihnen gibt Gott denjenigen Taschentücher, die keinen Rotz in der Nase haben: Dio da pañuelos a quien no tiene mocos.
Die Italiener haben da schon mehr Taktgefühl. Sie verteilen lieber Brot an den, der keine Zähne hat: danno il pane a chi non ha i denti. Jeder Italiener, der schon einmal von der schönen Michelle Hunziker eine Abfuhr bekommen hat, hat sicher versucht, seine Ehre mit diesem Spruch zu retten.
Doch auch die Sprache Dantes vergisst das ursprüngliche Bibelzitat nicht. Die gruppo di acquisto popolare beispielsweise nennt sich „Perlen vor die Säue“. Das Ziel der Gruppe?
Sie ist eine Einkaufsgemeinschaft. Man findet sich im Internet zusammen und organisiert dann den gemeinsamen Besuch auf dem heimischen Markt. Die Gruppenmitglieder suchen dort keine „Industrieprodukten aus Plastik vom Supermarkt, sondern den „traditionellen Geschmack alter Zeiten“. Echte Perlen eben.
Und was ist, wenn Ugo Bernasconi Recht haben sollte? Der italienische Maler und Schriftsteller sieht die Kehrseite der Medaille: „Das Problem ist doch nicht, dass die Perlen verschwendet werden. Wer denkt denn an die armen Säue, die an ihnen zugrunde gehen?“
Turm zu Babel vom 8. November 2006
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