Mit ihren vielen Szene-Bars und Clubbing-Booten, fast wie in einem Emir Kusturica Film, ist die serbische Hauptstadt zu einem alternativen Touristenmagneten geworden. Spritztour.
Belgrad: das Balkan-Barcelona
Der Bahnhof in Belgrad (Foto: Laure Guibault)
Den Baedeker kann man getrost zu Hause lassen. Ja! Es gibt in Europa noch unberührte Orte, fern von Touristenhorden und Reiseveranstaltern. Belgrad gehört dazu und verleiht jedem All-Inclusive-Allergiker Kribbeln in den Füßen. Die ehemalige Hauptstadt Jugoslawiens, in der die Save in die Donau mündet, pulsiert im Rhythmus von Techno, Blues, Zigeunermusik, Turbofolk (eine Mischung aus Balkan-Folk und Techno-Beats) oder auch zu serbischem Pop der Grandprix-Gewinnerin von 2007 Marija Serifovic. Diesen Sommer legen einige der besten Rockbands zudem einen Zwischenstopp in Serbien ein: am 14. Juli spielen die Rolling Stones in Belgrad.
Im Barcelona des Balkans tummeln sich die Besucher zu allen Tages- und Nachtzeiten in den Cafés. Bars in ehemaligen Wohnzimmern gibt es wie Sand am Meer. Ob hoch oben in den Hausetagen oder tief unten in alten Kellergewölben, ob in Hinterhöfen oder eine Treppe hinab: sie zu finden gleicht einer urbanen Schnitzeljagd. Hinter einer massiven Holztür befindet sich zum Beispiel das ‘Ben Akibar’, das in grauen Vorzeiten ein Anlaufort für Gegner des Miloševi-Regimes war. Heute ist es eine Szene-Bar für serbische Yuppies. Ein Stück weiter liegt die etwas versteckt liegende Bar ‘Globetrotter Verein’, deren Dekoration aus Reisesouvenirs besteht und an ferne Orte erinnert.
Ein Balkan-Silicon-Valley
Ortswechsel. Eine vollkommen andere Welt tut sich im ‘Silicon Valley’ auf, dieser Belgrader Straße, die ihren Namen recht freizügig bekleideten, flanierenden Damen mit reichlich Silikonausstattung verdankt. Gegen 22 Uhr tauchen die lokalen Nachwuchs-Gangster auf. Natürlich am Steuer eines blitzblanken Mercedes. Im ‘Insomnia’, einer Loungebar, läuft ohne Unterbrechung Fashion TV auf den Bildschirmen. Junge Frauen mit tief geschnittenen Hosen nippen an ihren säuerlichen Cocktails - meistens mit erotischen Namen versehen – und sehen zu den gegelten Prachtexemplaren des anderen Geschlechts am Nebentisch hinüber.
Mitternacht. Innerhalb weniger Minuten sind die Bars menschenleer: definitv nicht mehr “the place to be”. Weiter geht es ins ‘Plastic’ (die Silikon-Metapher im Hinterkopf), in einen großen Nachtclub, in dem die ausgesuchte Klientel zu Remixes von internationalen DJ-Größen in den Morgen tanzt.
Von Ostalgie und Yugos
Auch ein Hauch von Good Bye Lenin - Version Balkan – liegt in der Luft. Diejenigen, die dem Tito-Jugoslawien nachtrauern, können in Belgrad sozialistische Plätze, rostige Autos ohne Auspuff - die dementsprechend große Rußwolken produzieren -, Yugos und andere außerirdische Fahrzeugmodelle, die symbolisch den Kommunismus in Erinnerung rufen, bewundern. Anhänger der ‘Jugostalgie’ können ebenso das marmorne Mausoleum zu Ehren Marschall Titos besichtigen und anschließend im ‘Club der Dichter’ zu Abend essen.
Im Keller eines alten Gebäudes gelegen, besitzt dieser ehemalige Treffpunkt einer längst obsolet gewordenen Intelligentsia eine altmodisch anmutende Atmosphäre. Der zeitlose Kellner mit der Bifokalbrille bietet die in kyrillischer Schrift verfasste Speisekarte an, auf der traditionelle und reichhaltige Gerichte angeboten werden. Anstatt einer Übersetzung vernimmt der Gast sein schallendes Lachen und darf sein Menü schlussendlich selbst zusammenstellen.
Kurz vor Sonnenuntergang wird die alte ottomanische Festungsanlage auf dem Kalemegdan-Plateau bevorzugt von Liebespaaren heimgesucht. Weiter unten beginnen die Boote auf der Save zu den Zigeunerrhythmen im Wasser zu schaukeln. Eine neue Nacht in Belgrad bricht an und mit ihr erwachen eine Menge kurioser Orte zu neuem Leben.
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